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Kultur im Norden Modebilder mit Hitchcock-Effekt
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22:15 31.10.2013
Hamburg

Der 1991 gestorbene Guy Bourdin muss in seiner Kindheit Verletzungen erfahren haben, die von Frauen verursacht wurden. Denn der Fotograf, dessen Gesamtwerk jetzt im Haus der Fotografie der Hamburger Deichtorhallen ausgestellt wird, hat in den Jahren, in denen er groß im Geschäft war — in den 1950er bis 1980er Jahren —, Bilder geschaffen, die Gewaltphantasien mit erotischen Mitteln wiedergeben. Wohlgemerkt: in der Modefotografie. Seine Modelle waren durchweg schöne Frauen.

Da sieht man zum Beispiel eine gemeuchelte Nackte auf einem Tisch liegen, daneben eine Erhängte im schulterfreien schwarzen Kleid — das sorgsam komponierte Foto sollte für die Pumps der Pariser Edelmarke Charles Jourdan werben, die die beiden Frauen tragen. Auf einem Nachtbild erkennt man den mit Kreide skizzierten Umriss einer Frau auf Asphalt, daneben ist eine schwarze Limousine geparkt.

Offensichtlich ein Tatort. Bei genauem Betrachten sieht man auch das Paar rote Schuhe mit Keilabsatz, das das Opfer verloren haben muss — ebenfalls ein Werbebild für Charles Jourdan.

Alle diese Bilder sind fein austariert, von eindringlicher Farbigkeit und kalter Eleganz. Deshalb kann Kurator Ingo Taubhorn versichern: „Sie finden im Werk von Bourdin kein vulgäres Bild.“ Das stimmt. Bourdin-Fotos sind von makelloser Erotik, feinste Herren-Phantasien. „Je mehr ich dir weh tue, desto schöner bist du“, steht als Zitat an einer Wand, ohne dass kenntlich ist, von wem es stammt. Ordinär sind selbst die Bilder der Serie nicht, die Frauen mit gespreizten Beinen in Koitus-Position zeigen — offenbar geht es um die gepunkteten Strumpfhose, die sie tragen.

Der Kunsthistoriker David Riedel vermittelt im Katalog eine Ahnung vom schwierigen Verhältnis des offenbar scheuen Mannes zur Welt der Frauen: „Seine leibliche Mutter gibt ihn als Kleinkind zur Adoption frei, der Kontakt zu ihr wird vom Vater erschwert, eine Ehefrau nimmt sich das Leben, mehrere Gefährtinnen des Künstlers sterben.“ Umstände, die einen großen Raum für küchenpsychologische Deutungen öffnen.

Interessanter aber ist ein Satz, den Kurator Taubhorn bei der Vorstellung seiner Schau sagt: „Bourdin hat erkannt, welche Bedeutung Sex und Gewalt für eine Gesellschaft bedeuten.“ Dass beide Phänomene erstens allgegenwärtig sind und dass man zweitens mit ihnen dennoch provozieren kann — zumindest in der Welt der Mode. Und dass man damit Aufmerksamkeit erregt für das Produkt, das mit den künstlerisch aufgewerteten Fotos beworben werden soll.

Bourdin habe mit diesen hochartifiziellen Bildern sein Metier revolutioniert, erfährt man in der Ausstellung. Das glaubt man gerne. Mit surrealen Szenen und rätselhaften Inszenierungen ließ Guy Bourdin laut Taubhorn „die gängigen Schönheitsnormen, sittlichen Gepflogenheiten und ordentliche Produktdarstellungen“ hinter sich. Die Frau ist kein Kleiderständer mehr, sondern Akteurin in einer dramatischen Geschichte. Die Bilder lassen eine vorausgegangenen Gewalttat erahnen, oft auch sexuelle Übergriffe. „Hitchcock-Effekt“ nennt Taubhorn die Wirkung der Fotos. Bei Modezeitschriften „Vogue“ und „Harper‘s Bazar“, bei Modefirmen wie Emanuel Ungaro oder Issey Miyake schätzte man die Arbeit.

Dabei hatte Bourdin ganz harmlos angefangen — als Maler. Ein paar eher ungelenke Zeichnungen und Gemälde sind in der Ausstellung ebenfalls zu sehen. Dann machte er als Asphaltfotograf auf sich aufmerksam mit Bildern im Stil der 1950er Jahre — er lichtete Großstadtmenschen ab, die ihm zufällig vor die Linse kamen. Doch dann begann er, noch in Schwarzweiß, seine Modelle zu arrangieren, die Motive zu komponieren.

Als er dann Erfolg hatte, konnte er — ganz offensichtlich — seinen Fetischismus in Bildern ausleben: Die Fixiertheit auf Frauenbeine und -schuhe ist überdeutlich. Die Gesichter der Models bleiben unsichtbar oder sind von kühler Gleichgültigkeit. So kann die Ausstellung neben anderen Prominenten auch die Pop-Diva Madonna zitieren: „Sie sind geschmacklos und interessant. (...) Diese Mädchen, du musst ihren Gesichtsausdruck anschauen — sie sind wirklich seltsam.“

Anders als seine Konkurrenten und Altersgenossen Helmut Newton, Richard Avedon oder F. C. Gundlach drängte es Bourdin nie selbst an die Öffentlichkeit. Deshalb ist seine Name nur Experten bekannt. Die Hamburger Ausstellung soll und wird das ändern.

Michael Berger

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