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Moralischer Absturz eines alternden Mannes

Lübeck Moralischer Absturz eines alternden Mannes

Eigenwillige „Faust“-Inszenierung in Schwerin zum Start in eine neue Ära.

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Demontage einer Tragödien-Gestalt: Faust (r., Andreas Anke) mit Mephisto (Julia Keiling).

Quelle: Fotos: Cornelius Kettler

Schwerin. Denkwürdig, dieser Abend. Das Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin startet mit der Aufführung von Goethes „Faust I“ in eine neue Ära. Ein neuer Intendant (Lars Tietje) und ein neuer Schauspieldirektor (Martin Nimz) treten an, und aus dem bisherigen Stadttheater ist – weit wichtiger noch – ein richtiges Staatstheater geworden. Ein durch den Eintritt des Landes als Hauptgesellschafter in die Theater-GmbH erreichter Status mit der schönen Folge, dass die vorher mehrmals drohende Gefahr einer Insolvenz nun wohl dauerhaft gebannt ist.

LN-Bild

Eigenwillige „Faust“-Inszenierung in Schwerin zum Start in eine neue Ära.

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Ein Grund zu feiern, und am liebsten feiern deutsche Bühnen noch immer mit Goethe. Martin Nimz jedoch erweist sich in seiner ersten Inszenierung für Schwerin nicht gerade als Feierbiest. Sein „Faust“

mag manche Zuschauer sogar eher verwirren. Zerrissen der rote Faden der Dramenhandlung, keine Spur mehr von Auerbachs Keller oder Walpurgisnacht. Der Regisseur setzt auf die Assoziationskraft eines Publikums, das das Stück kennt und die sich auftuenden Lücken selbst ausfüllt. Zudem präsentieren Nimz und sein Hauptdarsteller Andreas Anke einen Faust, der aus den gängigen Interpretationsmustern krass herausfällt.

Ein verlotterter, fast verwahrloster, jedenfalls hoffnungslos gescheiterter Wissenschaftler steht da auf der von Bernd Schneider eingerichteten Bühne, die bis zur Pause von einer türkisfarbenen Großskulptur beherrscht wird. Sie gleicht einer Achterbahn, auf der es nur abwärts geht, auch dann, wenn es so scheint, als ginge es aufwärts. Der von Anke mit bohrender Intensität gespielte Titelheld fällt immer tiefer hinein in ein schwarzes Loch, aus dem es kein Entrinnen gibt. Sein Sturz ist nicht der eines zweifelnd und verzweifelnd nach einer Welterklärung suchenden Forschers, es ist der moralische Absturz eines gealterten Mannes, der schließlich sogar die junge Geliebte vergewaltigt.

Das kompromisslos entblätternde Spiel Ankes macht es nahezu unmöglich, dieser Faust-Figur auch nur einen Hauch von Empathie entgegenzubringen. Wie auch? Beim heimlichen Besuch in Margaretes Stube fällt dem „Helden“ nichts anderes ein, als schnell mal zu onanieren, und das Vorbild seines Gretchens sucht er sich im „Playboy“ aus. Demontage einer der großen Tragödien-Gestalten, drastisch vorgeführt. Richtig elektrisierend dann der zweite Teil einer Aufführung, die nach der Pause „Gretchen“ heißen müsste und nicht mehr „Faust“. Denn ganz im Mittelpunkt steht jetzt eine von Hannah Ehrlichmann mit der Kraft der Selbstbehauptung umwerfend verkörperte junge Frau, und Faust schrumpft zur Randfigur, die ihr und uns nichts mehr zu sagen hat.

Das Gretchen-Drama spielt sich ab in einem nun total entleerten Raum, der nur umstellt ist von meterhohen Wänden. No exit, heißt das. Und tatsächlich gibt es für Ehrlichmanns Margarete keinen Ausweg aus der Schicksalsverstrickung, die in den Untergang führt. Aber bevor sie untergeht, kämpft sie. Sie stößt den zudringlichen und ihr zunehmend widerlichen Faust zurück, ringt mit ihm, piesackt ihn mit bohrenden Fragen. Das duldsame Wesen von ehedem, verwandelt in eine streitbare Feministin von heute. Schade nur, dass sie zum Schluss in eine das Kitschige streifende Engel-Metaphorik eintauchen muss, weil die Regie es so will. Das reine Vergnügen indes Julia Keilings biestiger Mephisto: gedankenschnell, schlagfertig, gnadenlos.

Nächste Vorstellungen: 30. September, 21. Oktober.

Karten: (0385) 53 00 123.

„Faust“ an den Theatern auf Platz zwei

„Faust. Der Tragödie erster Teil“ von Johann Wolfgang von Goethe, 1808 veröffentlicht, galt zu damaliger Zeit als unaufführbar. Heute gehört die Tragödie zu den in Deutschland am häufigsten gespielten Stücken. In der Spielzeit 2013/2014 lag „Faust“ mit 34 Inszenierungen auf Platz zwei nach „Tschick“ nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf (41 Inszenierungen).

Hermann Hofer

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