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Kultur im Norden Mummenschanz im Zauberwald
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16:35 01.03.2015
Am Ende wird alles gut und die Paare finden sich. Hymen, der Gott der Ehe (Johan Hyunbong Choi) gibt ihnen seinen Segen. Quelle: Fotos: Malzahn
Lübeck

So viel war lange nicht mehr los auf der Bühne des Großen Hauses. Henry Purcells Semi-Oper „The Fairy Queen“, die auf Shakespeares „Sommernachtstraum“

basiert, entwickelte sich in der Regie von Tom Ryser zu einem echten Spektakel — zu einem barocken „Musical“, könnte man fast sagen.

Denn die Musik von Purcell dient nur zur Unterstreichung und Kommentierung der dramatischen Handlung. Und dementsprechend vielfältig ist sie dann auch, von vulgär bis elegant, Fugen und Volkstänze wechseln sich ab. Kapellmeister Andreas Wolf setzte das mit seinem klein besetzten, aber groß aufspielenden Orchester vorzüglich um. Mit schnellen Tempi sorgte er für Rasanz und schmissige Klänge.

Für die Philharmoniker, die nur selten barocke Musik spielen, war das eine herausragende Leistung.

Rasanz und Schmissigkeit im Graben — auf der Bühne fehlte sie vor allem im ersten Teil an manchen Stellen. So nett die Idee auch war, Zettel (Andreas Sigrist) und Squenz (Steffen Kubach) als Museumswärter vor einem Bild auftreten zu lassen, das eine Szene aus dem „Sommernachtstraum“ zeigt, so sehr walzte Regisseur Ryser die erste Szene der beiden Tölpel aus. Was lustig begann, wurde sehr schnell zäh — hier kann man noch nacharbeiten, um das komödiantische Potenzial von Sigrist und Kubach besser zu würdigen. Störend wirkte auch, dass die Schauspieler durch die Bank so undeutlich sprachen, dass sie oft kaum zu verstehen waren — und das trotz elektronischer Verstärkung.

Das aber sind die einzigen Einwände gegen eine ansonsten wunderbare Inszenierung. Wie das Regie-Team um Tom Ryser hier die Genres Oper, Ballett und Schauspiel zu einem Gesamtkunstwerk montiert hat, ist ganz einfach fabelhaft. Dass es an manchen Ecken noch klemmt, wird sich ausmendeln.

Sehenswert ist diese Produktion schon allein wegen der Ausstattung von Stefan Rieckhoff. In der realen Welt opulente Barock-Kostüme, im Feenreich dunkle Gestalten, eine der Elfen erinnert mit ihrem wüsten Haarschopf sogar an die böse Hexe Bellatrix Lestrange aus den „Harry Potter“-Filmen. Eine wahre Wunderwelt hat Rieckhoff geschaffen, mit fliegenden Ruderbooten und überraschenden Effekten.

Wahrhaft barockes Theater.

Regisseur Tom Ryser lässt „The Fairy Queen“ auf zwei Ebenen spielen, durch die Szenen führt ein mitreißender Puck — Darstellerin Charlotte Irene Thompson wurde am Schluss frenetisch bejubelt.

Zusammen mit der Choreografin Lilian Stilwell ist es Ryser gelungen, Shakespeare in der Purcell-Version spannend und unterhaltsam auf die Bühne zu bringen. Schon allein die zehn allerliebsten Jung-Elfen waren das Eintrittsgeld wert.

Auch gesanglich war dieser Abend großartig. Die Sopranistinnen Andrea Stadel und Evmorfia Metaxaki, Mezzo Inga Schäfer, Tenor Daniel Jenz und Bass Johan Hyunbong Choi sangen blitzsaubere Koloraturen — sie alle haben Erfahrung mit Barockmusik, ihr Umgang mit diesen Klängen aus dem späten 17. Jahrhundert war herausragend. Auch darstellerisch waren die Sängerinnen und Sänger gefordert, sie steigerten sich im Verlauf des Abends immer mehr. Unter den Schauspielern ragte Til Bauer als Oberon heraus, der mit lässiger Eleganz die Fäden im Spiel zog und seinen wie ein Wirbelwind über die Bühne rauschenden Diener Puck gewinnbringend einsetzte. Jörn Kolpe war ein hinreißender, stets leicht verstört wirkender Demetrius, Eva Patricia Klosowski und Anne Schramm als Hermia und Helena fügten sich gut ein in dieses Verwirrspiel um die Liebe und ihre Wirrungen. Charlotte Puder als Titania konnte ebenfalls überzeugen. Eine wahre Augenweide waren die drei Tänzerinnen Lara Eva Hahnel, Angela Kecinski und Szu-Wei Wu, die sogar martialisch wirkende Kung-Fu-Choreografien zeigten. Mit viel Spaß bei der Sache war auch der von Joseph Feigl einstudierte Chor, der ebenso gut sang wie spielte.

Eine fast runde Sache also war dieser bejubelte Abend, bei dem zum Schlussapplaus auch noch das Orchester auf die Bühne kam, die kaum genug Platz für alle Beteiligten bot. Ein interessanter Ausflug in die Welt der frühen britischen Oper — Operndirektorin Katharina Kost-Tolmein kann sich in ihrem Konzept bestätigt sehen.

Nächste Vorstellungen: 12. und 19. März.

Der „Orpheus“ Englands
Henry Purcell (1659-1695), bedeutendster englischer Komponist des Barock, wurde nach musikalischer Ausbildung 1676 Organist an der Westminster Abbey. Im selben Jahr schrieb er Musik zu John Drydens Schauspiel „Aureng-Zebe“. Für das Jahr 1689 ist die Aufführung seiner ersten Oper „Dido und Aeneas“ belegt, an welche sich später noch 38 dramatische Musikwerke anschlossen.
Nicht minder waren seine Kirchenkompositionen von den Zeitgenossen geschätzt, namentlich von Händel.

Jürgen Feldhoff

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