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Kultur im Norden Museum macht Nägel mit Köpfen
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22:22 07.01.2016

Es ist eine Art Quantensprung. Wenn das Staatliche Museum in Schwerin im kommenden Sommer seinen Neubau einweiht, eröffnen sich ganz neue Perspektiven für die Präsentation der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. In dem vom Berliner Architektenbüro Scheidt und Kasprusch entworfenen Zehn-Millionen-Bauwerk entstehen auf zwei Geschossen zusätzliche 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche, ein Zuwachs um 30 Prozent. Hier wird bald die Kunst aus der Zeit nach 1945 einziehen, die in Schwerin mit Werkkomplexen von überregionalem Rang gewichtig vertreten ist.

Spektakulär ist vor allem die Kollektion mit Arbeiten des 1930 in Mecklenburg geborenen und dort auf der Halbinsel Wustrow aufgewachsenen „Nagel-Künstlers“ Günther Uecker, die 2013 von dem Sammler Friedel Drautzburg für 1,45 Millionen Euro, bereitgestellt von Bund und Sparkassen, erworben wurde. Seitdem ist Schwerin der Ort in der deutschen Museumslandschaft, wo die ganze Bandbreite im Schaffen des international renommierten Künstlers zu besichtigen ist.

Gestärkt wird die Stellung des Staatlichen Museums als Uecker- Standort noch dadurch, dass ein weiterer Werksatz des Künstlers in Kürze als Dauerleihgabe nach Schwerin kommt — 14 teils großformatige Arbeiten aus dem Besitz des Instituts für Auslandsbeziehungen, die unter dem Titel „Der geschundene Mensch“ weltweit zu sehen waren.

Der Erwerb der Drautzburg- Sammlung war die Initialzündung für die Verwirklichung des seit vielen Jahren herbeigesehnten Neubauprojekts, das mit Mitteln des Landes Mecklenburg-Vorpommern und der EU finanziert wurde. Das baulich schon weit fortgeschrittene Haus ist aber nur Teil eines unter dem vorläufigen Namen „Museum der Moderne“ firmierenden Gesamtplans. Dieser bezieht jenen ausgedehnten Bereich im Altbau mit ein, der bisher für Wechselausstellungen genutzt wurde. Eine gläserne Brücke wird künftig Neu- und Altbau miteinander verbinden, sodass ein zusammenhängender Komplex entsteht, in dem im fließenden Übergang die Entwicklung der Kunst im 20. und 21. Jahrhundert zu besichtigen ist.

Ueckers Schaffen, das zahlreiche Bezüge zu prägenden Kunstrichtungen der Moderne wie Fluxus oder Konzeptkunst aufweist, spielt dabei zwar eine wichtige, aber keine dominierende Rolle. „Wir streben an, unseren Uecker-Bestand auch in Zukunft weiter auszubauen, wollen aber trotzdem kein Uecker-Museum sein“, sagt Dirk Blübaum, der Direktor des Hauses. Und Schwerin kann ja auch über Uecker hinaus mit weiteren Attraktionen aus der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aufwarten. Herausragend die im europäischen Maßstab bedeutende Sammlung von Werken des frühen Mitbegründers der Konzeptkunst Marcel Duchamp, der durch seine Idee der Ready-mades ab 1913 die Grenzen der traditionellen Kunst gesprengt hat. Wichtig auch die Kollektion von DDR- Kunst, die insofern herausragend ist, als in Schwerin — anders als etwa in Berlin oder Dresden — nicht die Werke der Staatskünstler gesammelt wurden, sondern vorwiegend die Arbeiten von Kunstschaffenden mit abweichend individuellen Positionen.

Den Charakter des Einmaligen und Erstmaligen soll auch die Eröffnungsausstellung im Neubau haben. Dabei spielt Uecker doch wieder eine besondere Rolle. Ihm ist die ganze obere Etage vorbehalten, wo Arbeiten zu sehen sein werden, die der Künstler extra für Schwerin geschaffen hat. Großformatige Tücher, die man als Leichentücher interpretieren darf. Sie entstanden am Strand auf Wustrow, wo Uecker 1945 als damals 15-Jähriger auf Geheiß der sowjetischen Besatzungsmacht Leichen verscharren musste, die nach dem Untergang der Kap Arkona an Land gespült worden waren. 2010 legte der Künstler an den betreffenden Stellen seine Tücher auf den Strand und schuf Bilder von extremer Farbigkeit.

Erst nach der Eröffnungsschau wird die Dauerausstellung eingerichtet. Der Neubau entsteht im Innenhof des Museums, der zum Skulpturengarten umgestaltet werden soll. Sichtbar ist der zurückhaltend gestaltete, quaderförmige neue Baukörper nur von der Seeseite aus, vom Alten Garten, dem zentralen Platz, aus gesehen wird er vom alten Museumskomplex verdeckt. Eine Konkurrenz zwischen Alt und Neu haben die Architekten bewusst vermieden, schon allein deshalb, um die Welterbe-Ambitionen Schwerins, die mit dem Residenzensemble aus Schloss, Theater und Museum verknüpft sind, nicht zu gefährden.

Bekommt Schwerin eines Tages den Welterbe-Status, werden noch mehr Touristen als heute in die Stadt kommen. Schöne Aussichten auch für Museumschef Blübaum, der mit Blick auf die berühmte Niederländer-Sammlung seines Hauses und die nun neu hinzukommenden Bereiche schon mal ankündigt: „Wir können in Kürze den Spannungsbogen zwischen feinster Malerei und einer Konzeptkunst, die im fundamentalen Unterschied dazu nur noch auf das Virtuelle setzt, so eindrucksvoll zeigen wie kaum ein anderes Museum.“

Hermann Hofer

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