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Musik aus anderen Sphären

Lübeck/Berlin Musik aus anderen Sphären

Hoher Besuch zum Abschluss des Festival-Sommers: Das Berlin Festival in Tempelhof hat Björk zu Gast — 20 Jahre nach ihrem „Debut“.

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Kostümierung und Ausdruck: Die Konzerte von Björk sind etwas Besonderes — nicht nur wegen ihrer Perücken . . .

Quelle: Foto: dpa

Lübeck. Vor 20 Jahren erschien diese CD mit dem Schwarz-Weiß-Foto als Cover (kl. Foto), es zeigt eine junge, hübsche Frau mit etwas wirren schwarzen Haaren und großen Augen; sie trägt einen grauen Pullover und hat die Hände vor dem Mund, als wollte sie sich entschuldigen oder wäre erstaunt über das, was vorher an Tönen aus dem Mund gekommen ist. „Debut“

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Kostümierung und Ausdruck: Die Konzerte von Björk sind etwas Besonderes — nicht nur wegen ihrer Perücken . . .

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hieß das Album, „Björk“ die Sängerin. Es war, als wäre ein himmlisches Wesen auf unserem Planeten gestrandet und hätte uns zeigen wollen, was Musik ist.

Was die Frau aus Island da als „Debut“ verkaufte, war gar keins. Björk Gudmundsdóttir, geboren 1965 in Reykjavik, hatte schon als Zwölfjährige eine Platte mit Kinderliedern und gecoverten Songs aufgenommen, die es in ihrer isländischen Heimat bis auf Platz 1 der Charts brachte. Allerdings nur dort. Das musikalisch ungemein begabte Kind wandte sich schnell dem Punk und Fusion-Jazz zu, hatte diverse Bands und veröffentlichte Platten, und spätestens ab 1986 sorgte sie mit den „Sugarcubes“ auch international für Aufsehen. Anfang der 90er Jahre dann die Trennung von den Sugarcubes — und 1993 „Debut“.

1993: Da war Abba mit den Greatest Hits das erfolgreichste Album in Deutschland. Auch Depeche Mode waren vorn in den Charts, Die Toten Hosen, U2, Pet Shop Boys, Phil Collins. In den USA feierte unter anderem Eric Clapton mit seinem „MTV-Unplugged“-Album Erfolge. Immerhin: Björk kam in den deutschen Album-Charts bis auf Rang 24, in Großbritannien bis auf Platz 3, und in den USA gab es Platin.

Björks Musik kam für die Hörer des ausgehenden 20. Jahrhunderts zunächst sperrig daher; sehr rhythmisch zwar, aber mit neuen, ungewohnten Klängen. Seltene und seltsame Instrumente, dazu Harmonien, die nicht so einfach ins Ohr gehen. Und dann eine Stimme , die in einem Moment zerbrechlich klingt, unendlich traurig, verletzt, und im nächsten kraftvoll, aggressiv und unglaublich lebendig. MTV, der Musiksender, der damals viel mehr war als eine Video-Abspielstation, holte Björk 1994 ins Studio zu einem „Unplugged“-Konzert. Es ist leicht bei YouTube zu finden und zeigt eine Frau, die in einem neongelben Kleid Musik lebt. Es ist ein Dokument extremer Musikalität.

Es folgten die Alben „Post“ (1995) und „Homogenic“ (1997), die stilistisch nah am „Debut“-Album sind. Beide waren ebenfalls große Erfolge, vor allem in den USA. Sehr viel introvertierter und gefühlvoller kam dann „Vespertine“ (2001) daher. Mit dem Video zum Song „Pagan Poetry“ sorgte Björk für ein Skandälchen — sie singt das Lied halbnackt. In den USA wurde es nur zensiert gezeigt.

Mit „Medulla“ (2004) stellte Björk dann das Instrument in den Mittelpunkt, mit dem sie sich ausdrückt: die Stimme. Es ist ein Album (fast) ohne andere Instrumente. Der vielleicht beeindruckendste Song darauf ist „Vökuró“, ein auf isländisch gesungenes Schlaflied. 2007 folgte dann „Volta“ mit den Single-Auskopplungen „Earth Intruders“ und „Wanderlust“, dem wohl bekanntesten Musik-Video von Björk. 2011 kam die jüngste CD: „Biophilia“ ist mehr als nur Musik; das Album war von Anfang an als Multimedia-Konzept geplant und wurde zunächst als eine Reihe von iPad-Apps vertrieben. 20 Jahre nach „Debut“ — was hat sich getan in der Musik von Björk? Tatsache ist: Sie steht immer noch neben allen Trends und macht ihr Ding. Sie ist ein Gesamtkunstwerk; ihre Auftritte sind mehr als nur Musik, es sind Events mit ungewöhnlicher Besetzung und ungewöhnlicher Kostümierung. Und natürlich ist Björks Musik nicht ohne Einfluss geblieben: Zum Beispiel klingt der Siegertitel von Loreen vom Eurovision Song Contest 2012, „Euphoria“, in Teilen wie ein Björk-Zitat — und es ist auch kein Wunder, dass Loreen die Isländerin als ihr Vorbild angibt.

Wie übrigens sehr, sehr viele andere Musiker auch. Dennoch — auch 20 Jahre nach dem Beginn ihrer Solo-Karriere ist Björks Musik einzigartig. Und noch immer glauben viele Fans, dass Sie eigentlich nicht von dieser Welt ist.

Björk live beim Berlin Festival (Flughafen Tempelhof), Sonnabend, 7. September, 21 Uhr, Main Stage. Tagesticket 59 Euro; www.berlinfestival.de/

Erfolg auf der Leinwand
Im Jahr 2000 wagte Björk einen Ausflug ins Kino: Sie spielte in Lars von Triers „Dancer in the Dark“ die Hauptrolle. Der Film errang in Cannes die Goldene Palme; Björk wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet. Es folgten Oscar-Nominierungen, unter anderem für Björks Filmmusik, und weitere Auszeichnungen in Europa. Der Film wurde auch bei den Nordischen Filmtagen 2000 in Lübeck gezeigt. Obwohl die internationale Kritik Björks Leistung über alle Maßen lobte, spielte sie danach nur noch in einer Doku ihres Lebensgefährten Matthew Barney.

Andreas Heß

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