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„Musik ist ein Teppich unter den Füßen“

Kiel „Musik ist ein Teppich unter den Füßen“

Birgit Minichmayr wird morgen im Lübecker Dom Texte von Wolfgang Herrndorf rezitieren. Ein Gespräch mit der prominenten Schauspielerin über Konzert-Lesungen, Distanz zum Publikum und ihre Lehrjahre.

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Von 2010 bis 2012 spielte Minichmayr bei den Salzburger Festspielen die Rolle der Buhlschaft im „Jedermann“.

Quelle: B. Gindl/dpa

Kiel. Kiel/Wien Den Komponisten Joseph Haydn (1732-1809) und den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965-2013), bekannt durch sein Jugendbuch „Tschick“, bringt das Projekt „Letzte Worte“ am morgigen Sonnabend im Lübecker Dom zusammen. Die Passionsmusik „Die sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuz“ trifft auf den Textblog, in dem Herrndorf das Leben mit seinem tödlichen Hirntumor reflektiert. Beim Konzert des Ensemble Resonanz rezitiert der Wiener Theaterstar Birgit Minichmayr aus den posthum unter dem Titel „Arbeit und Struktur“ veröffentlichten Texten.

 

LN-Bild

Seit Oktober 2011 ist Birgit Minichmayr (39) Ensemblemitglied des Residenztheaters in München.

Quelle: Breuel-Bild

Wie oft haben Sie Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ gelesen?

Birgit Minichmayr: „Tschick“ war das einzige Buch, das ich von Wolfgang Herrndorf kannte, als ich mit der Arbeit an dem Rezitationsabend angefangen habe. Und ich habe es, wie alle anderen wahrscheinlich auch, verschlungen.

Jetzt lesen Sie aus Herrndorfs nachgelassenen Texten „Arbeit und Struktur“, in dem er sich mit seiner tödlichen Krankheit auseinandersetzt. Dazu spielt das Ensemble Resonanz Joseph Haydn. Wie passt das für Sie zusammen?

Minichmayr: Ich war erstmal erstaunt, dass das Ensemble Resonanz eine weibliche Stimme haben wollte. Das sind ja Tagebuchnotizen, und Herrndorf hat sie natürlich in Ich- Form geschrieben. Aber dann ging es gerade darum, dass es nicht die totale Identifikation sein sollte, sondern um eine gewisse Distanz, die sich schon über die weibliche Stimme herstellt. Und mich hat berührt, wie er seinen Weg zum Selbstmord hin beschreibt.

Das ist harter Stoff. Schreckt Sie so etwas in Ihrer Arbeit?

Minichmayr: Nein. Die Klarheit, mit der Herrndorf auf seine Krankheit blickt, hat mich getroffen. Und welche Fragen er dabei aufwirft. Als ehemalige Klosterschülerin, die damit aufgewachsen ist, dass es für Selbstmörder auf dem Friedhof keinen Platz gibt, finde ich den Aufführungsort Kirche schon sehr reizvoll.

Sie spielen auf den ganz großen Bühnen und im Film. Was reizt Sie an der kleinen Form eines Rezitationsabends?

Minichmayr: Die Arbeit mit einem Orchester habe ich als Schauspielschülerin kennengelernt, wenn Klaus Maria Brandauer uns auf seine konzertanten Lesungen mitgenommen hat. „Peer Gynt“ zum Beispiel – da hat man als Schüler ein paar kleinere Texte zu lesen bekommen. Dazu gab es Orchester und Chor, und ich fand es wahnsinnig beeindruckend, welchen Teppich man da unter den Füßen hat durch die Kraft der Musik. Später habe ich Elfriede Jelineks „Erlkönigin“ gemacht, mit Klavier- oder Cello-Begleitung. Dabei konzentriert sich alles auf den Klang und die Sprache. Aber eigentlich mag ich einfach die Abwechslung in der Arbeit und die Vielfalt der Auftrittsformen.

Gibt es dennoch eine Form, die Sie bevorzugen – Theater oder Film?

Minichmayr: Ich würde beides nicht gegeneinander ausspielen wollen. Mittlerweile lässt sich beides auch gut verbinden.

Monica Bleibtreu hat bei der Verleihung des Ulrich-Wildgruber-Preises über Sie gesagt: „Birgit Minichmayr verschwendet sich.“ Gilt das noch?

Minichmayr: Der Begriff Verschwendung wurde immer so sorgenvoll konnotiert, so sehe ich das gar nicht. Ich verstehe ihn eher positiv als Verausgabung und Auseinandersetzung mit der Arbeit.

Natürlich will man auch mitreißen und unterhalten. Und dafür muss man im Theater, je nachdem, wie das Publikum drauf ist oder man selber, sich selbst mehr oder weniger intensivieren.

Fällt es Ihnen schwer, dann bei einem Rezitationsabend wie jetzt mit Herrndorf wieder auf Distanz zu gehen?

Minichmayr: Es verbietet sich einfach, in diesen Text so eine Stellvertreter-Empathie hineinzulegen. Ich will einfach diese Gedanken Herrndorfs verfolgen, diese Suche nach einem Ausgang. Er kann sich nicht damit abfinden, dass er vom Tumor zerlegt wird, aber sein Leben aktiv zu beenden schon. Diese vielfältigen Reflexionen rüberzubringen ist die Aufgabe. Das darf man gar nicht zu sehr an sich heranziehen, so eine Ich-Pathetik hineinlegen, sonst lässt man dem Zuschauer keinen eigenen Atem mehr dafür. Außerdem gibt es ja bei aller Trauer auch Stellen, die sehr humorvoll sind. Es ist vielleicht deshalb ganz gut, dass nicht so eine permanente Schwere über dem Abend liegt.

Ihr Schauspiellehrer war Klaus Maria Brandauer. Kann er Sie heute noch etwas lehren?

Minichmayr: Er hat mal mit einem Lächeln gesagt: Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht aus sich selbst heraus haben kann. Er hat ja viele Facetten: lehrreich, humorvoll, streitbar. Ich sehe Klaus Maria Brandauer jetzt nicht mehr so viel wie damals an der Schauspielschule, aber ich bin ihm immer noch sehr nah.

Theater und Film

Birgit Minichmayr wurde 1977 in Linz (Oberösterreich) geboren. Sie fing eine Schauspielausbildung am Max- Reinhardt-Seminar in Wien an, die sie abbrach, als das Burgtheater sie erstmals engagierte. Minichmayr spielte große Rollen am Münchner Residenztheater, an der Berliner Volksbühne und am Hamburger Schauspielhaus. In Karin Beiers Hamburger Antiken-Inszenierung „Die Rasenden“ spielte sie 2013 die Elektra.

Auch in Kino und Fernsehen ist sie häufig zu sehen. So spielte sie in „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel eine Sekretärin Hitlers. Außerdem war sie besetzt in „Das Parfum“ von Tom Tykwer und „Das weiße Band“ von Michael Haneke . Für ihre Rolle in „Alle anderen“ von Maren Ade erhielt Birgit Minichmayr 2009 den Silbernen Bären der Berlinale als beste Darstellerin.

„Letzte Worte“ : Sa., 30. Juli, 20 Uhr, Dom Lübeck, Karten: (0431) 237070

Ruth Bender

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