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Musik voll Leidenschaft und Kampfgetümmel

Lübeck Musik voll Leidenschaft und Kampfgetümmel

Christoph Eschenbach führte die NDR-Elbphilharmoniker durch Mahlers „Hammerschlag“-Sinfonie.

Lübeck. Ein letztes Gastspiel des NDR-Elbphilharmonieorchesters in der Rotunde der MuK; beim nächsten Mal wartet der Konzertsaal wieder auf die Gäste. Christoph Eschenbach stand am Pult, nur ein Werk auf dem Programm, Gustav Mahlers sechste Sinfonie a-Moll. Das reicht für einen Abend. Eine beschwingte Einleitung zum Sonntag ist dieser Brocken nicht. Aber Musikfreunde wissen 111 Jahre nach der Uraufführung, was auf sie zukommt: der musikalisch ausgemalte Kampf des Individuums gegen die Schicksalsmächte. Die „Tragische“ hat Mahler diese Sinfonie genannt, und tragisch endet sie, als einzige seiner Sinfonien mit Klängen in Moll.

 

LN-Bild

Zum letzten Mal im Provisorium der MuK-Rotunde: Dirigent Christoph Eschenbach.

Quelle: Foto: Olaf Malzahn

Christoph Eschenbach, der angeblich durch Gustaf Gründgens zu Mahler verführt wurde, hat sich lange mit diesem Komponisten auseinandergesetzt. Er betätigt sich nicht als Einpeitscher, reißt das Publikum nicht durch ständiges Vorwärtsstürmen mit. Er hat das Pendeln zwischen Hölle und Himmel ausbalanciert.

Da stampft zwar zu Beginn des ersten Satzes sofort eine ganze Horde von Feinden im pochenden Marschrhythmus heran. Ein wild zerklüftetes Tonbild wird hörbar. Aber immer wieder betont Eschenbach die melodischen Linien, die ruhigen, die himmlischen Inseln des Schönklanges.

Ruppig exakt beginnt er mit dem groß besetzten Orchester das Scherzo. Schnell aber widmen sich die Elbphilharmoniker intensiv dem gravitätisch daherkommenden ländlerhaften Trio. Ein Katz- und Mausspiel zwischen den beiden Stimmungswelten beginnt. In Wohlklang schwelgen darf das Publikum im Andante. Es wird zur Ruhe vor dem Sturm, an manchen Stellen gar zur Idylle pur. Christoph Eschenbach lässt sich Zeit, manchmal fast zu viel Zeit, und führt den Satz schwerblütig zu Ende.

Vom fast halbstündigen Finale weiß man, dass es aufregend wird, wild, revolutionär, von Leidenschaften und Kampfgetümmel durchzogen. Der Dirigent findet auch im Schlusssatz liebliche Zwischentöne.

Erst nach dem ersten Niederdonnern des schweren Holzhammers bricht der Sturm los. Bläser und Schlagwerk schreien auf, die Elemente sind entfesselt. Zum Schluss greift Resignation Platz. Ende!

Lange hält Maestro Eschenbach die Arme oben, bleibt bewegungslos stehen. Auch das Publikum verharrt schweigend, ehe der erste Bravoruf ertönt. kd

LN

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