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Musikalische Reise in unbekannte Gegenden

Niendorf/Ostsee Musikalische Reise in unbekannte Gegenden

Beim zweiten Jazz-Baltica-Festival in Niendorf durfte man sich überraschen lassen. Anfang und Ende machte Nils Landgren.

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Saxofonist Marius Neset (Norwegen) gilt als eines der größten Talente im europäischen Jazz. Er war Partner des Pianisten Michael Wollny.

Quelle: Olaf Malzahn

Niendorf. „Stell dich mitten ins Gewitter, und du weißt: Du bist am Leben“, sang Lisa Bassenge in der großen Werfthalle, und genau so musste man es machen bei diesem Jazzfestival: sich mitten hineinstellen in die Musik; in Konzerte von Musikern gehen, deren Namen man noch nie gehört hat; dorthin streben, wo es blitzt und donnert. Man muss auch mal im Regen stehen (notfalls sogar im Wortsinn) bei Musik, die einem fremd ist. Wer nicht bereit ist, sich überraschen zu lassen, der ist hier nicht richtig.

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„Trotz des Wetters war die Stimmung sehr positiv.“ Nils Landgren, künstlerischer Leiter

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Eine Überraschung war die estnische Sängerin Kadri Voorand. Ihre Stimme ist mal laut und voll, mal lyrisch und zart, ein estnisches Volkslied gelingt ihr genauso überzeugend wie eine vertrackte Jazznummer; und sie kann im Scat-Gesang improvisieren wie die Besten ihres Fachs. Das Publikum feierte sie, und sie war auf rührende Art überwältigt (oder tat wenigstens so).

Der Pianist Vladyslav Sendecki, der mit Wolfgang Haffner (Schlagzeug) und Paolo Fresu (Trompete, Flügelhorn) das letzte Konzert in der großen Halle am Sonntagabend eröffnete, hat die Überraschung zum Prinzip gemacht: In seinen langen Kompositionen gehen impressionistisches Flimmern, getragener Choralsatz, atonale Musik, Blues, Funk, Komposition und Improvisation ineinander über. Sogar ein Streichquartett ist auf der Bühne, das Atom String Quartet aus Polen, das etwas untergeht, bevor es sich in der Zugabe endlich freispielen kann. Vielleicht ist es alles zu viel für ein Konzert, aber eins ist es nie: langweilig.

Die klassischen Jazzstandards aus dem alten Broadway-Repertoire gehören zwar noch zur Grundausstattung eines jeden Jazzmusikers, aber die Inspiration der europäischen Musiker dieses Festivals kommt aus anderen Quellen. Improvisiert wird nicht mehr über lange harmonische Verläufe, sondern über wenige Grundharmonien. Im besten Fall ist das Ergebnis eine Sternstunde wie das Duokonzert von Michael Wollny (Klavier) und Marius Neset (Tenorsaxofon). Michael Wollny ist Berserker, Virtuose, Lyriker, Perkussionist, alles in einem, und er geht mit Marius Neset und dessen kraftvollem und melodiösem Saxofonspiel auf eine Reise in neue, unbekannte Gegenden.

Im ungünstigeren Fall ist das Ergebnis statisch. So war es beim Trio von Jacob Karlzon. Er ist ein sensibler Pianist mit differenziertem Anschlag und viel Phantasie — aber er blieb gefangen im dauernden Powerplay. Unter dem Druck von Robert Mehmet Ikiz‘ Schlagzeug (der später in der Funk Unit eine wichtige Funktion hatte) konnte sich nichts entwickeln, statt Erleuchtung gab es nur Erschöpfung. Auch das Quintett des norwegischen Trompeters Mathias Eick bewegte sich musikalisch nicht vom Fleck. Der Unterbau dieser Musik — zwei Schlagzeuge, ein verzerrter Bass — war zu schwerfällig und unelegant, als dass sich darüber etwas hätte entfalten können.

Die NDR Bigband ist dem Festival ein treuer Begleiter. Sie gab unter dem Titel „Erwin mit der Tröte“ ein fröhliches Familienkonzert. Das klangschöne Projekt „Libretto“ des Bassisten Lars Danielsson wäre ohne Bigband allerdings nicht schlechter gewesen. Viel wichtiger war das Schlagzeugspiel von Magnus Öström. Der kann allein mit zwei Besen und einer Snaredrum der Musik mehr Intensität geben als eine ganze Bigband (oder zwei Schlagzeuger).

Es war viel Funk zu hören, zuletzt die Gruppe Schwarzkaffee auf der Freilichtbühne im Hafen, die ihr Publikum mit knackigen Grooves und einer gutgelaunten Bühnenshow begeisterte. Aber keine Funkband erreichte die Perfektion von Nils Landgrens Funk Unit, die das Hauptprogramm beendete. In der Funk Unit ist jeder einzelne ein erstklassiger Jazzmusiker, der das ganze Vokabular beherrscht und jederzeit ein vollkommenes Solo spielen kann. Allen voran Nils Landgren selbst, der nicht nur Festivalleiter und allgegenwärtiger Conférencier ist, sondern auch, nach wie vor, ein atemberaubend guter Posaunist.

Zum Abschluss gab es keinen amerikanischen Star, und das Wetter war durchgängig schlecht. Gestört hat beides niemanden. Das Leben war immer zu spüren.

Die Besucherzahl des Festivals bleibt hoch
9000 Besucher, schätzt die Festivalleitung, haben in diesem Jahr Jazz Baltica besucht. Dazu zählten neun Konzerte, zwölf Auftritte auf der Open-Air-Bühne, zwei Jazz- Talk-Runden und zwei Kinderprogramme. Die Zahl der Zuhörer ist nur eine Schätzung, weil sie auch die Konzerte mit freiem Eintritt einschließt. 2012 waren 8500 Besucher bilanziert worden. Als Jazz Baltica noch in Salzau beheimatet war, wurden rund 7000 Besucher bei den Konzerten dort und bei den Gastspielen in Husum und Kiel gezählt.

Hanno Kabel

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Von Redakteur Hanno Kabel