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Musikalische Zeitreise

Lübeck Musikalische Zeitreise

Helen Schneider singt Lieder von ihrem neuen Album „Collective Memory“.

Lübeck. „Gemeinsame Erinnerungen“ sind die thematische Klammer des Abends — und doch ist es ein sehr persönliches Konzert, zu dem die Sängerin Helen Schneider ins Lübecker Theater gebeten hat. Mit dem Gitarristen Jo Ambros und dem Akkordeonspieler Karsten Schnack präsentiert die Künstlerin zum ersten Mal seit 30 Jahren Songs, die für sie und mit ihr geschrieben wurden. Wie es zu dem Projekt kam, darüber plaudert die 63-jährige Amerikanerin, die seit einigen Jahren in Berlin lebt, sehr entspannt mit ihrem Publikum. Sie sei ja jetzt in einem gewissen Alter — amüsiertes Raunen im Saal — und nach passendem Liedmaterial habe sie lange vergeblich gesucht. Die Texte schrieb dann „meine Muse“ Linda Uruburu, mit der sie eine jahrzehntelange Freundschaft verbindet. Die Melodien komponierte Jo Ambros. Entstanden sind zumeist sehr ruhige Songs, die musikalisch auf die 60er und 70er Jahre verweisen („meine prägendste Zeit“) und thematisch Helen Schneiders Erinnerungen widerspiegeln: an Tanzabende in der Familie der Freundin, an sternenklare Nächte im Sommerferienlager, an fröhliche Geister, die in Schneiders zeitweiliger Heimat New England zum guten Ton und in fast jedes Haus gehörten.

Die Hintergründe der einzelnen Titel erläutert die Künstlerin, jahrelang sehr erfolgreich als Musicaldarstellerin in Produktionen wie „Cabaret“ und „Evita“, im Zwiegespräch mit dem Publikum. Das erweist sich neben ihren Bühnenpartnern auch als hilfreich bei der Vokabelsuche. „Gibt es eigentlich einen Plural für Mitglied?“, will die Sängerin wissen — und lässt sich von ihrem Gitarristen aufklären: „Jo lernt mich Deutsch, sagt man das so?“ Das Publikum weiß auch ganz genau, wann Helen Schneider zuletzt in Lübeck war: 2003 im Kolosseum, ein Fan hat Datum und Ort sofort parat.

13 Jahre später singt die Künstlerin von der berauschenden Wirkung, die Musik immer noch auf sie hat, darüber, Schatten davonzujagen. Nach der Pause kreisen die ersten Lieder um das Thema Verlust. Da vergeht der Sängerin zeitweilig die Lust am Plaudern, die letzten Saitenklänge, gesungenen Töne und zarten Akkordeonschnaufer verhallen in atemloser Stille. Mit einem folkigen Titel und einem Antikriegslied stellt Helen Schneider ihre wandelbare Stimme unter Beweis, es verfliegt die melancholische Stimmung auf der Bühne und im Großen Haus — nicht der perfekte Ort für einen solch intimen Abend in kleiner, vertrauter Runde. Zum Abschied gibt es sehr warmen Applaus und Blumen — wie es sich für einen Abend unter Freunden gehört. Sabine Räth

LN

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