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Musikalischer Befreiungsschlag nach Stalins Tod

Lübeck Musikalischer Befreiungsschlag nach Stalins Tod

Die NDR-Sinfoniker spielten mit ihrem jungen Gastdirigenten Krzysztof Urbanski die Zehnte von Dmitri Schostakowitsch.

Lübeck. Es ist eine wunderbare Ergänzung: in der Lübecker Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ — und im jüngsten Konzert des NDR- Sinfonieorchesters in der Musik- und Kongresshalle (MuK) die zehnte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch.

Zwischen der „Lady“, die den Komponisten unter dem Regime des Josef Stalin in Lebensgefahr gebracht hatte, und der Zehnten liegt fast ein Vierteljahrhundert. Der Tod des Diktators, der 1948 bei einer kulturellen Säuberung noch dafür gesorgt hatte, dass Schostakowitsch sowohl in Moskau als auch in Leningrad die Lehraufträge entzogen wurden, bedeutete eine Zäsur. Am 5. März 1953 starb Stalin, im Sommer des gleichen Jahres entstand die zehnte Sinfonie. Exegeten gehen davon aus, dass der Komponist sich Erfahrungen der Vergangenheit und Hoffnung auf die Zukunft von der Seele geschrieben hat.

Die NDR-Sinfoniker kamen mit ihrem jungen Ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbanski (33). Seit ihm im vorigen Jahr in der MuK der Leonard Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musik Festivals verliehen wurde, sind Auftritte in Lübeck für Urbanski so etwas wie Heimspiel. Er dirigierte die große Schostakowitsch- Sinfonie auswendig. Mit aller Leidenschaft und doch elegant formt er mit den Händen die Musik. Wunderschön klang schon die Einleitungsmelodie der Sinfonie, deren ruhige Stimmung bei jeder Wiederkehr im ersten und in den beiden letzten Sätzen von den Musikern wie in Seide gewickelt geboten wurde.

Die gewaltigen Klangballungen des Kopfsatzes saßen danach wie maßgeschneidert. Mitreißend der kurze zweite Satz, exakt auch im vertrackten Rhythmusgeflecht. Wunderbar lockere Stimmungen, ein zukunftsweisender Schwung im dritten und vor allem im vierten Satz — Krzysztof Urbanski holte alles aus dem Orchester heraus, das ihm inspiriert und offenbar sehr bereitwillig folgte.

Als Auftakt hatte das Orchester mit „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ einen jungen Richard Strauss geboten. Alle möglichen glitzernden und schillernden Klangfarben kitzelte Urbanski, auch hierbei auswendig dirigierend, aus dem Orchester heraus. Da meinte man, das Scherzen und Lachen des Schelms aus Mölln zu hören, aber auch die Schwere der Last, wenn er zum Galgen geführt wird.

Als Solisten hatten die Hamburger Gäste den US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson mitgebracht. Fünf Lieder mit Orchesterbegleitung aus „Des Knaben Wunderhorn“ von Gustav Mahler standen auf dem Programm. Hampson wird ihnen in allen Stimmungen gerecht, ob zartbittere Liebesromanze oder schmetternder Kriegsgesang, ob fahle Totenklage oder musikalischer Wettstreit zwischen Kuckuck und Nachtigall. Offenbar gefiel dem Sänger die Begeisterung des Publikums. Es gab drei weitere Lieder der Gruppe als Zugaben.

Mit einem ähnlichen Programm ziehen Krzysztof Urbanski und das NDR-Sinfonieorchester in dieser Woche durch Europa, von Warschau bis nach Aix-en-Provence.

Von Konrad Dittrich

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