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Musiker mit Herz und Kopf

Lübeck Musiker mit Herz und Kopf

Der Komponist Friedhelm Döhl wird heute 80 Jahre alt. Sein Werk umfasst Sinfonien, Kammermusik, Lieder und eine Oper. Lange lehrte Döhl in Lübeck.

Lübeck. Opuszahlen hat Friedhelm Döhl nie verwendet. Heute ärgert er sich manchmal darüber, weil er nicht genau weiß, wie viele Werke er komponiert hat. „Es müssen über 100 sein“, sagt er. Aber eigentlich interessiert ihn das nicht. „Musik entwickelt sich immer weiter, meine Musik auch.“ Wenn man Döhls Œuvre betrachtet, sieht man die Musikgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor sich ausgebreitet. Klassische Formen finden sich da ebenso wie experimentelle und elektronische Musik, die Vielfalt ist bewundernswert. Auch wenn manches nicht leicht zugänglich ist, etwa die Kompositionen für präparierten Flügel, so wird doch immer eines deutlich: Friedhelm Döhl gehört nicht zu den zeitgenössischen Komponisten, die reine musikalische Kopfgeburten fabrizieren. Seine Musik hat neben der formalen auch immer eine emotionale Ebene, sie kann ebenso ergreifend wie verstörend wirken.

 

LN-Bild

Friedhelm Döhl wurde 1936 in Göttingen geboren. Seit 1982 lebt und arbeitet der Komponist in Lübeck. Von 1991 bis 1994 war er Rektor der Musikhochschule.

Quelle: Dirk Hourticolon

Begonnen hat die musikalische Karriere von Friedhelm Döhl, der in Göttingen geboren wurde und aufwuchs, mit Klavierunterricht im Kindesalter. „Damals habe ich schon leidenschaftlich gern improvisiert“, sagt er heute, 70 Jahre später. „Aus der Improvisation wurde dann später die Komposition.“ Und aus dem Klavierschüler Friedhelm Döhl ein Professor für Komposition und ein international bekannter und geachteter Tonsetzer.

Musik war nicht unbedingt seine erste Wahl nach dem Abitur an einem humanistischen Gymnasium. „Ich hatte ein Faible für Altphilologie“, sagt Döhl. „Meine Eltern sind davon ausgegangen, dass ich Griechisch studiere. Die Neigung zur Musik war dann doch stärker, ich habe dann in Freiburg 1956 begonnen, Klavier und Komposition zu studieren.“ Und was war der Hauptgrund, sich der Komposition zuzuwenden? „Ich wollte besser verstehen, wie Musik funktioniert, da schien mir ein Kompositionsstudium der beste Weg zu sein.“ Das klingt trocken, aber genau das ist Friedhelm Döhl nicht. Er hat Humor und Witz, seine ironischen Bemerkungen sind druckreif. Das merkt man zumindest manchmal auch seiner Musik an.

Auch die großen Komponisten Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern hatten es Döhl früh angetan. Als die Mahler-Renaissance noch weit entfernt war, studierte Döhl in Wiener Archiven die Original-Partituren und veröffentlichte Aufsätze über Gustav Mahler. Mit Webern verhielt es sich ähnlich, über diesen Komponisten schrieb Friedhelm Döhl seine Doktorarbeit.

Auffällig ist in Döhls Werk die enge Verzahnung von Musik und Literatur. Mit Georg Trakl beschäftigte sich der Künstler, der sich selbst einen „Querdenker“ nennt, bereits zu Zeiten, als sich niemand für den literarischen Expressionismus interessierte. Die „Trakl-Lieder“, 1956 entstanden, gehören zu den frühesten Werken Döhls. Immer wieder vertonte er auch Texte von Nelly Sachs („Sternenverdunkelung“) und Paul Celan. Bedeutend ist auch Döhls Zyklus über Hölderlin-Fragmente aus dessen mittlerer Schaffensperiode.

Zur bildenden Kunst hat Friedhelm Döhl ebenfalls eine enge Beziehung. „In Düsseldorf ist die Freundschaft mit Günther Uecker entstanden, mit dem ich Klang- Szenen für die Kunsthalle Düsseldorf gestaltet habe. Die Begegnung mit der Kunst hat mir neue Wege eröffnet.“

Am Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatorium hatte Friedhelm Döhl seine erste akademische Anstellung, von dort wechselte er 1969 nach Berlin, wo er sehr schnell Kontakte in der Kunst-Szene knüpfte.

„Mit Johannes Grützke zum Beispiel, der ja auch ein Musik-Ensemble namens ,Die Erlebnisgeiger‘ hatte. Wir haben viel zusammen unternommen.“ 1974 erreichte Friedhelm Döhl dann der Ruf nach Basel, wo er Direktor der Musik-Akademie wurde. Bis 1982 blieb er in Basel und folgte dann einem Ruf als Professor an die Musikhochschule Lübeck, deren Rektor Döhl von 1991 bis 1994 war. In seine Zeit als Rektor fiel unter anderem die Gründung des Brahms-Festivals und der Brahms- Galerie, in der unter anderem Bilder von Johannes Grützke, Günther Uecker, Bernd Völkle und Gunther Fritz zu sehen sind. Im Jahr 2001 wurde Friedhelm Döhl mit der Gedenkmünze Bene Merenti der Hansestadt Lübeck ausgezeichnet.

Sechs Jahrzehnte Tätigkeit als Komponist – ist nicht längst jeder Ton schon notiert worden, gibt es einen Ausweg aus dem Eklektizismus? Döhl: „Jeder Ton ist notiert worden, jedes Wort geschrieben. Es kommt immer auf die Zusammenhänge an, so entstehen immer wieder neue Ideen und schließlich neue Werke. Alle Künste haben dasselbe Ziel, nur der Ausdruck ist ein anderer.“ Und was inspiriert Friedhelm Döhl zu einer neuen Komposition? „Häufig sind es spezielle Interpreten gewesen, für die ich geschrieben habe, Dietrich Fischer-Dieskau zum Beispiel. Oder Hans-Christian Schwarz und Carlos Johnson, für die ich die ,Sinfonie a due‘ komponiert habe. Beeinflusst hat mich unter den Zeitgenossen Karlheinz Stockhausen, mit dem ich bei den Darmstädter Ferienkursen in den frühen 1960er Jahren in guten Kontakt gekommen bin. Stockhausen war ein Genie.“ Komponiert wie Stockhausen hat Friedhelm Döhl allerdings nie.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“, diesen von Friedhelm Döhl geschätzten Vers des jungen Rainer Maria Rilke könnte man als Motto des Komponisten sehen. Überhaupt Rilke: „Ich wundere mich selbst, dass ich nie Lyrik von Rilke vertont habe.“

Konzert zum Geburtstag

Zum 80. Geburtstag von Friedhelm Döhl findet morgen um 20 Uhr im Großen Saal der Musikhochschule ein Konzert statt. Auf dem Programm stehen die Trakl-Lieder aus dem Jahr 1956 mit der Sopranistin Maike Albrecht und Hans-Jürgen Schnoor am Klavier. Es folgen die „Bruchstücke zur Winterreise“ für Klavier (1985) mit dem Pianisten Konrad Elser. Drei Balladen für Klavier nach Paul Celan, ebenfalls gespielt von Konrad Elser, beschließen den ersten Teil des Konzertes. Nach der Pause erklingt dann „Der Abend – Die Nacht“ (1979/1995) nach Trakl für Violine und Cello mit Christiane Edinger (Violine) und Ulf Tischbirek (Cello). Jörg Linowitzki spielt anschließend „5 Canti nach Leopardi“ für Kontrabass (1998/2016). Den Abschluss bildet die „Sinfonia a due“ für Violine und Cello (2011) mit Elisabeth Weber (Violine) und Hans-Christian Schwarz (Cello). Der Eintritt kostet 14/19 (8/12) Euro.

Jürgen Feldhoff

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