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Nachtmusik im Schlafrock

Lübeck Nachtmusik im Schlafrock

Unterm Vollmond verwandelte der Pianist und Entertainer Chilly Gonzales die Lübecker MuK in eine nächtliche Hotelbar.

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Chilly Gonzales: „Es heißt Chambers, im Plural. Das können Zimmer sein oder Herzkammern und natürlich bezieht es sich auch auf Kammermusik.“

Lübeck. Lübeck. In Schlafrock und Pantoffeln schlappt der Pianist an den Flügel, sinkt auf den Hocker, schlägt leise die Tasten an. Ein melancholisches Lied steigt auf und mit ihm die Atmosphäre einer Hotelbar spät in der Nacht. Die letzten Gäste, die letzten Drinks, ein müder Mann am Klavier, der selbstvergessen seine Improvisationen zwischen die Melodien streut – und insgesamt den Eindruck macht, dass an diesem Abend wohl nicht mehr mit ihm zu rechnen ist. So geht das zwei, drei Stücke lang, bis Chilly Gonzales im großen Konzertsaal der Lübecker MuK die passende Atmosphäre für seine „Bademantelmusik“ geschaffen hat und sich dem Publikum zuwendet.

Es sei das erste Mal, dass er hier in Lübeck zu Gast sei, er genieße die Atmosphäre des Festivals, und ob denn auch alle im Saal auch in „good mood“, in guter Stimmung seien? Das sind sie, ein Großteil des voll besetzten Auditoriums ist gekommen, um den kanadischen Jazz-Pianisten und Wahl-Kölner live zu erleben – und im Altersdurchschnitt deutlich jünger als am Abend zuvor in der Elbphilharmonie. Dort, im hohen Haus an der Elbe, brauchte es einige Anstrengungen des Entertainers an den Tasten, um das Publikum aus der Reserve zu locken. Es ist also eine glatte Lüge, wenn er tags darauf seinen Zuhörern in Lübeck vorhält: „Die waren gestern viel besser als ihr!“ Chilly Gonzales ist ein Provokateur und unerschrockener Spieler.

Der 45-Jährige spielt mit den Musikstilen und -epochen; er spielt mit seinem Publikum und fordert es heraus – gerne auch in der direkten Ansprache –, seine musikalischen Prägungen und Hörgewohnheiten für diesen Abend zumindest aufzugeben und sich ihm anzuschließen bei seinen Raubzügen durch die Musikgeschichte.

Chilly Gonzales, in Montreal als Jason Beck geboren, ausgebildeter Jazz-Pianist, ist auch ein Taschendieb, der in Musikepochen, Genres, Stilen, in Melodien und Partituren wildert und Beute macht.

Altes, Bewährtes, Bekanntes einsackt, Modernes, Ungewöhnliches, Provokatives dazusteckt und Neues hervorzaubert. Seine CD „Chambers“, die er 2015 mit dem Hamburger Kaiser Quartett eingespielt hat und das ihn auch in der MuK begleitet, ist so entstanden – aus dem Versuch, Ideen, Rhythmen, Spezifisches aus Rock, Pop, Jazz und Rap auf die Klassik zu übertragen.

Es war ein gelungener und ist auch an diesem Abend wieder ein gelingender Versuch. „Gonzo“ mixt Scorpions mit Strawinsky, Beatles mit Barmusik, Gershwin mit Gonzales, rappt zum Beat des Metronoms, lässt vier Kammermusiker zur Drum Machine mutieren und macht mit einem gewaltigen Paukenschlag klar, dass hier und heute sehr wohl mit ihm zu rechnen ist – auch wenn er sich zwischendurch lang auf dem Boden ausstreckt und dem Kaiser Quartett die Bühne für die eigenen Kompositionen überlässt.

Nach kurzem Power-Nap ist er wieder da, volle zwei Stunden lang und vom Publikum zu mehreren Zugaben genötigt. Regine Ley

LN

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