Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Nächte mit Walther von der Vogelweide
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Nächte mit Walther von der Vogelweide
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:14 28.06.2017
Stephan Opitz (l.) und Joachim Kersten lasen aus „Des Reiches genialste Schandschnauze“. So hatte Peter Rühmkorf (rechtes Bild) Walther von der Vogelweide voller Hochachtung genannt. Quelle: Fotos: Thorsten Wulff, Lutz Roessler
Lübeck

„Weiter am Walther“ heißt es immer wieder in Peter Rühmkorfs Tagebüchern. Weiter also an der süßen Frohn, die Gedichte Walther von der Vogelweides (etwa 1170-1230) zu übersetzen. Schließlich war es geschafft. „Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich“ hieß das Buch, das 1975 erschien und ein rechter Erfolg wurde. Dessen Geschichte und die der Beziehung der beiden Dichter liegt jetzt in einem Band vor, der am Dienstag im Günter-Grass-Haus vorgestellt wurde.

Peter Rühmkorf hat den Mittelalter-Dichter in den Siebzigern übersetzt - Im Grass-Haus wurde ein Buch darüber vorgestellt.

Stephan Opitz hat das Buch herausgegeben. Er ist Literaturwissenschaftler an der Universität Kiel, ein Kenner von Rühmkorfs Leben und Werk und mit dem Hamburger Anwalt und Autor Joachim Kersten dessen Testamentsvollstrecker. Der Band umfasst Von-derVogelweide-Gedichte im Original und in Rühmkorfs Übersetzung. Man findet einen Essay Rühmkorfs über den mittelalterlichen Kollegen und einen Text von Opitz zum Thema. Und man findet Auszüge aus einem Briefwechsel zwischen Rühmkorf und dem in Karlsruhe lehrenden Peter Wapnewski, den er als Experten mittelalterlicher Dichtung zu Rate gezogen hat.

In den Briefen und den Tagebüchern wird deutlich, wie sehr Rühmkorf mit „Walther“ gerungen hat, nicht selten bis tief in die Nacht und von Schnaps getrieben. Er komme „oft nicht in die Texte rein“, schreibt er an einer Stelle. „Ich versteh manches einfach nicht.“ Er bittet um Wapnewskis Dissertation. Er beklagt seine Lage – „weil ich arm bin“ – und fragt, ob nicht eine Forschungsgemeinschaft das Projekt finanzieren könne. Er hört sich Wapnewskis Kritik an, der Rühmkorfs Übersetzungen und den freihändigen Umgang mit den Originalen absegnet. Sie fechten um Details, aus dem anfänglichen „Sie“ wird ein „Du“, man schätzt und besucht sich, und 1975, nach zehn Jahren Pause, schreibt Rühmkorf wieder selbst Gedichte.

Peter Rühmkorf hatte eine Bindung zu Schleswig-Holstein. Er war eng mit Günter Grass befreundet, dem er in schweren Zeiten verlässlich beistand und der ihm unter anderem den Buchtitel „Fundsachen für Nichtleser“ verdankt. Seine Frau Eva war Ministerin im Kabinett von Björn Engholm, und in Roseburg im Lauenburgischen hatten sie ein Haus, wo Peter Rühmkorf im Juni 2008 auch gestorben ist.

Es ist ein großer Spaß, gerade auch den Briefwechsel zu lesen. Da schreiben sich zwei, die das Spiel mit der Sprache mögen und sich darauf verstehen. Sie gehen freundlich, aber ehrlich mit sich und den Gegenständen ihrer Debatten um. Und im Juli 1975 schreibt Wapnewski an Rühmkorf: „Ob ich Dein Buch bespreche, überlassen wir dem Buch wenns fertig ist. Wenn Schweigen besser ist, schweig ich.

Wenn Reden besser ist, schreib ich.“ Er hat dann geschrieben. int

„Des Reiches genialste Schandschnauze“ von Peter Rühmkorf, Wallstein Verlag, 280 Seiten, 19,90 Euro

LN

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

. Schriftsteller wie Elfriede Jelinek, Salman Rushdie und Ian McEwan setzen sich für eine Ausreise des kranken chinesischen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo (Foto) ein.

28.06.2017

. Das Manuskript des wohl bekanntesten Romans von Franz Kafka, „Der Prozess“, ist ab morgen im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

28.06.2017

Bekannt aus der „Millennium“-Trilogie und durch Filme der Nordischen Filmtage: Michael Nyqvist an Lungenkrebs gestorben.

28.06.2017