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„Natürlich fehlt Günter Grass“

Lübeck „Natürlich fehlt Günter Grass“

Am Montag, 16. Oktober, wäre Günter Grass 90 Jahre alt geworden. Im Interview kündigt sein Verleger Gerhard Steidl eine neue, 24-bändige Gesamtausgabe des im April 2015 verstorbenen Nobelpreisträgers an. Die ersten Ausgaben sollen 2018 erscheinen. In Lübeck wird am 28. November mit einem Festakt und im Beisein von Salman Rushdie an Grass erinnert.

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Freund und Verleger von Günter Grass: Gerhard Steidl.

Quelle: Foto: Dpa

Lübeck. Fehlt Ihnen Günter Grass, der als Autor und bildender Künstler jedes Buch mit Ihnen gemeinsam gestaltet hat?

Natürlich fehlt er, denn ich habe das Büchermachen mit ihm als ein Privileg empfunden. Mit ihm gemeinsam am Buch zu arbeiten hat immer großen Spaß gemacht. Mir fehlt, dass er anruft und von etwas erzählt, das er im Köcher hat. Und da gab es in den vielen Jahren unserer Zusammenarbeit immer etwas. Er war ungeheuer produktiv.

Welche Publikationen machen Sie zum Geburtstag?

Zum 90. Geburtstag werden die von Günter Grass 1968 unter Pseudonym veröffentlichten „ArturKnoff-Geschichten“ erscheinen, „Alles gesagt?“, ein Buch mit Stimmen über Günter Grass von Uwe Neumann, und ein Lese-Buch mit politischen Texten von Grass, das Klaus Wettig herausgibt. Im Frühjahr haben wir bereits mit „In letzter Zeit“ ein Buch mit einem letzten, langen Gespräch zwischen dem Germanisten Heinrich Detering und Günter Grass veröffentlicht.

Wird auch gefeiert?

Zu seinen Lebzeiten haben wir seine Geburtstage ordentlich gefeiert, aber das schönste Geschenk, das ich ihm jetzt als Verleger machen kann, sind Bücher, die sein Werk lebendig halten. Beim Göttinger Literaturherbst werden am 20. Oktober Nora Gomringer und Günter „Baby“ Sommer mit ihrem Programm „Grimms Wörter“ auftreten, da werden wir auf ihn anstoßen.

Hat das Interesse an den Büchern von Grass nachgelassen?

Grass ist ganz sicher nicht in Vergessenheit geraten. Es wird unsere Aufgabe als Verlag sein, ihn in Erinnerung zu halten und ihm neue Leserschichten zu erschließen.

Liegt „Vonne Endlichkait“, das letzte Buch von Grass, bereits in anderen Sprachen vor?

Das Buch ist inzwischen in zwölf Sprachen übersetzt, eine anspruchsvolle Aufgabe für die Grass-Übersetzer. Natürlich hat es auch zu diesem Buch ein Übersetzertreffen gegeben, das hatte ich mit ihm selbst auch noch so vereinbart. Es fand im September 2016 statt. Grass wurde schmerzlich vermisst, denn seine Übersetzerinnen und Übersetzer sind ja über die Jahre zu einer Art Familie zusammengewachsen, aber die Übersetzerin Susanne Höbel und sein Lektor Dieter Stolz haben ihn hervorragend vertreten. Ute Grass, immer Grass’ erste Leserin und erste kritische Stimme, war auch dabei und konnte viel erläutern.

Wie ist der Stand der geplanten neuen Gesamtausgabe?

Wir arbeiten zurzeit an einer 24-bändigen Werkausgabe. Das Gesamtwerk wird in neuer Typografie und in neuem Buchformat erstellt und neu durchgesehen. Die ersten Ausgaben werden im nächsten Jahr erscheinen. Vorgesehen sind 16 Kommentarbände, die jeweils zeitgleich mit dem entsprechenden Band der Werkausgabe veröffentlicht werden. Wir haben uns dagegen entschieden, die Kommentare in den jeweiligen Textband aufzunehmen. Zum einen ist es leserfreundlicher, zum anderen lässt sich ein gesonderter Band viel leichter aktualisieren, sollten sich neue Erkenntnisse ergeben.

Wie steht es mit seinen Tagebüchern?

Günter Grass hat sein ganzes Leben lang Tagebuch geschrieben, aber nicht mit dem Ziel der Veröffentlichung.

Im Nachlass von Siegfried Lenz fand sich als Riesenüberraschung der fertige Roman „Der Überläufer“, der 2016 zum Bestseller wurde. Ist im literarischen Nachlass von Günter Grass noch mit Überraschungen zu rechnen?

Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass noch ein ganzer Roman auftaucht. Kürzere Texte, Gedichte, Zeichnungen, das schon.

Wann waren Sie zum letzten Mal am Grab von Günter Grass?

Besuche am Grab finde ich schwierig. Ich muss auch nicht dort stehen, wo seine sterblichen Überreste ruhen, um mit Günter Grass Zwiesprache zu halten. Wenn ich mit und an seinen Büchern arbeite, seine handschriftlichen Notizen betrachte und mir Gedanken darüber mache, welches Leinen er wohl für sein Buch ausgesucht hätte oder welche Typografie, dann komme ich mit ihm ins Gespräch, wenn Sie so wollen.

Was würde Günter Grass sagen zum Einzug der AfD in den Bundestag, zum Verhalten Donald Trumps oder Nordkoreas – um nur einige politische Entwicklungen anzusprechen?

Ich kann hier nur spekulieren, aber die Tatsache, dass eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag einzieht, hätte ihn empört, aber vielleicht auch nicht überrascht. Er hat oft genug gesagt, dass eine Politik, die „alternativlos“ daherkommt, Populisten den Boden bereitet. Und er hat immer gesagt, dass die Demokratie etwas ist, um das gekämpft werden muss. Er hätte sich wohl über das Schweigen vieler Intellektueller gewundert und sich vernehmlich eingemischt, da bin ich mir sicher.

„Eine Werkausgabe letzte Hand“

Gerhard Steidl (66) hat über Jahrzehnte Günter Grass’ Bücher in seinem Verlag in Göttingen verlegt. Steidl ist Siebdruckmeister und gilt als einer der besten Buchgestalter Deutschlands mit höchsten Qualitätsansprüchen.

Die neue 24-bändige Gesamtausgabe der Grass-Werke löst die 12-bändige „Göttinger Ausgabe“ von 2007 ab. Und 16 Kommentarbände sind geplant, jeweils zu den literarischen Werken. Es werde „sozusagen eine Werkausgabe letzte Hand“, sagt der frühere Grass-Lektor Dieter Stolz, auch wenn Grass nicht mehr letzte Hand anlegen konnte. Ausgenommen sind der Werkstattbericht „Sechs Jahrzehnte“, Grass' Briefe und die Tagebücher.

LN

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