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Neapel-Saga, zweiter Teil

Rom Neapel-Saga, zweiter Teil

Elena Ferrante strickt weiter an der Lebensgeschichte von Lila und Lenù.

Rom. Ihren Roman „Meine geniale Freundin“ ließ sie wie die Folge einer Fernsehserie enden, mit offenem Ausgang, an einem dramatischen Wendepunkt. Genau dort knüpft die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante im zweiten Band ihrer Neapel-Tetralogie an, welche für die „New York Times“ das „beste Porträt einer Frauenfreundschaft“ ist. In „Die Geschichte eines neuen Namens“ werden Lila und Lenù älter, während sie die gegenseitige Rivalität, die ständige Sorge um Geld und die Machenschaften der Camorra mal zueinander, mal auseinander treiben.

Geschrieben aus Sicht der schüchternen, aber klugen Elena Greco, genannt Lenù, schildert Ferrante auf gut 600 Seiten die Jugendjahre der zwei so unterschiedlichen Freundinnen aus einem ärmlichen Stadtteil in Neapel, die sich aller Zerwürfnisse zum Trotz über sechs Jahrzehnte lang nicht komplett aus den Augen verlieren sollen. Doch der Roman erzählt nicht die Geschichte einer harmonischen Freundschaft. Viel mehr geht es um die Gleichzeitigkeit von Zuneigung und Häme, Aufrichtigkeit und Lüge, Gönnen und Neid. Abgründe tun sich in Ferrantes Welt überall in den Straßen des „Rione“ auf – begonnen am Ladentisch, zwischen den Nachbarn, den besten Freundinnen und schließlich innerhalb der Familien.

Über Lila bricht das Unglück herein, als sie den Wurstwarenhändler Stefano Carracci heiratet. Gerade, als sie ihren Namen Cerullo abgibt und den neuen zu tragen beginnt, macht sie die bittere Beobachtung, dass ihr Mann gemeinsame Sache mit dem Camorra-Clan Solara macht. Und auch sonst sind Ehe, ihr neuer Reichtum, die Wohnung fernab der trostlosen Gassen des „Rione “ nicht das, was Lila und Lenù sich als spielende Mädchen im ersten Band der Saga ausmalten. Lila wird von Stefano misshandelt, wehrt sich vehement gegen eine Schwangerschaft, versucht, der Herrschaft und Brutalität des Mannes zu entkommen.

Währenddessen mausert sich Lenù zur Musterschülerin, sie liest und büffelt, verschafft sich durch Anerkennung der Lehrer Selbstvertrauen und kann zeitweise die Konkurrenz zu Lila vergessen, die längst nicht mehr die Schulbank drückt. Doch das zwiespältige Verhältnis zu ihrer Freundin wirft sie immer wieder aus der Bahn. Ihre Beziehungen zu Männern machen es nicht einfacher.

Doch das Erleben von Elena Greco ist untrennbar mit Lilas verbunden. Ferrante räumt dem Leben der Ich-Erzählerin fernab der Freundschaft wenig Platz in dem Buch ein. Es sind einige wenige Kapitel, in denen es ausschließlich um Lenùs Schulzeit und ihr Studium in Pisa geht. Egal, ob es Momente sind, die die beiden Freundinnen teilen – wie etwa der auf gut 200 Seiten beschriebene, für beide entscheidende Urlaub auf Ischia – oder solche, die sie getrennt voneinander erleben. Lenù weiß sie alle zu schildern. Sie liest geheime Aufzeichnungen von Lila, erfährt Geschehenes von Bekannten. So gelingt es Ferrante, die erdrückenden Gefühle der Ich-Erzählerin trotz der Distanz zum eigentlichen Grund dafür, Lila, zu schildern.

Kritische Worte über dieses neue Stück italienischer Literaturgeschichte finden sich insgesamt nur wenige. Und das, obwohl Ferrante eine schlichte Sprache und eine konventionelle Dramaturgie wählt, dazu noch das leicht abgegriffene Bild einer jungen Frau, die sich aus dem Ghetto herausarbeitet und von ihrer Vergangenheit emanzipiert. Doch Ferrante schafft es, in einer scheinbar plumpen Erzählung die Geschichte einer Stadt unterzubringen und diese mit einer umfassenden, tiefgreifenden Betrachtung der soziologischen und ökonomischen Verhältnisse in Neapel zu verquicken.

„Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante. Suhrkamp, 624 Seiten, 25 Euro.

Lena Klimkeit

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