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Kultur im Norden „Neid ist ein sehr soziales Gefühl“
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21:46 30.01.2018
„Neid erkennt man nicht so leicht von außen“, sagt der Psychiater Peter Delius. Manchmal aber doch, zum Beispiel in diesem Fall. Quelle: Cora Müller – Stock.adobe.com; Dpa

Hatten Sie mit einem solchen Erfolg der Vortragsreihe gerechnet?

 

Peter Delius ist seit 1995 niedergelassener Psychiater und Psychotherapeut in Lübeck. Quelle: Foto: Lutz Roessler

Wozu Neid gut ist

Die Reihe „Plädoyers zur Verteidigung schlechter Gefühle“ wird von der Freiwilligenagentur E-Punkt veranstaltet. Morgen (ab 19 Uhr, VHS Falkenplatz) spricht Peter Delius, Psychiater, Psychotherapeut und E-Punkt-Vorsitzender, über Neid. Eintritt 9 (7) Euro. Anmeldung unter info@epunkt-luebeck.de.

Peter Delius: Dass Veranstaltungen, die mit Gefühlen zu tun haben, großes Interesse finden, war uns klar. Aber die Resonanz übertrifft unsere Erwartungen.

Warum eine solche Reihe?

Wir haben die Reihe überschrieben mit der Frage „Was ist sozial?“. Denn als Freiwilligenagentur kümmern wir uns nicht nur um die Beratung und Vermittlung von Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen, sondern wir gehen auch der Frage nach, was die Gesellschaft zusammenhält. Wie funktioniert das Sozialleben? Wie schaffen es Menschen, einander auszuhalten, aufeinander zuzugehen und Konflikte zu regeln? Die Evolution hat uns Menschen mit überragenden Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten ausgestattet. Das ist es, was den Menschen auszeichnet. Die Kommunikation folgt bestimmten Regeln, und Gefühle sind ein Leitstrahl, der den Menschen hilft, zwischen dem Ich und dem Du zu navigieren.

Manchmal knirscht es trotzdem.

Das stimmt. Menschen sind aber auch mit überragenden Reflektionsmöglichkeiten ausgestattet. Wenn im Miteinander etwas schiefgeht, stehen Wut, Gier, Hass oder Bosheit zur Verfügung und können vom anderen relativ gut erkannt werden. Bei Neid – darüber spreche ich ja – ist es anders. Den erkennt man nicht so leicht von außen. Deshalb gilt er wahrscheinlich auch als gemein und hinterhältig.

Dabei ist es ein sehr soziales Gefühl! Es gibt ja zwei Seiten von Neid. Jemand kann neidisch sein. Oder jemand kann sich vorstellen, dass andere auf ihn neidisch sein könnten. Letzteres hat mit Empathie zu tun, aber auch mit sozialer Kontrolle. Die Vorstellung, dass jemand anders auf mich neidisch sein könnte, auf mein Haus oder meine Arbeit, führt dazu, dass wir Normen einhalten, um diesen Neid nicht zu erwecken.

Kommt die Reihe so gut an, weil negative Gefühle in unserer Gute-Laune-Gesellschaft unerwünscht sind?

Natürlich leben Menschen lieber in Harmonie zusammen. Aber die anderen Gefühlen sind auch immer da und kreisen wie Hütehunde um Beziehungen und Partnerschaft. Selbst Menschen, die sich lieben und sich wünschen, mit dem anderen eins zu sein, werden Gefühle wie Neid, Angst vor Enttäuschung oder Eifersucht erleben. Ohne solche Gefühle wäre eine Beziehung nicht nur langweilig. Die Auseinandersetzung mit den „schlechten“ Gefühlen des anderen versetzt Partner erst in die Lage, auch schwierige Zeiten zu überstehen.

Gilt das nur für Liebesbeziehungen?

Nein, das gilt allgemein.

War es schwierig, Referenten zu gewinnen, die das Gute an Gefühlen wie Gier, Bosheit, Hass hervorheben?

Überhaupt nicht. Der erste Referent hat genau 16 Minuten, nachdem ich die Einladungs-E-Mail geschrieben hatte, zugesagt und geantwortet, weil er das Thema super fand.

Können Sie sich vorstellen, die Reihe fortzusetzen?

Unsere Idee ist eine andere, aber wir bleiben bei Gefühlen. Noch in diesem Jahr möchten wir mit unseren Mitgliedsverbänden und Mitgliedsvereinen eine Kampagne zum Thema „Glückssucher“ beginnen.

Damit ist gemeint: Menschen, die sich sozial engagieren, suchen immer auch ihr persönliches Glück. Sie wollen Glücksmomente erleben, die sich aus der Solidarität mit anderen ergeben, aus dem Miteinander mit anderen Menschen.

Braucht man nicht eine altruistische Haltung, um für andere dazusein?

Altruismus allein reicht auf Dauer nicht aus. Auch für diejenigen, die sich für andere einsetzen, muss die Bilanz stimmen. Dabei ist Glückssuche ein wichtiges Motiv. In der Flüchtlingsarbeit war und ist dies eindrucksvoll zu erleben. Viele arbeiten in der Flüchtlingshilfe mit, und für manche ist es das erste Mal überhaupt, dass sie sich so stark engagieren. So sind – manchmal unerwartet – Begegnungen und Beziehungen entstanden, die nicht nur zufrieden, sondern richtig glücklich gemacht haben.

Was haben Sie konkret vor?

Wir haben Veranstaltungen konzipiert, gemeinsam mit unseren Mitgliedsorganisationen , die angereichert sind mit der Frage, welche Rolle Glück und Unglück beim sozialen Engagement spielen. Wir wollen thematisieren, dass Menschen dabei eine Art Glückssucher sind. Am Ende soll ein Freiwilligentag stehen, an dem Menschen in verschiedene Ehrenamts-Bereiche reinschnuppern und diese kennenlernen können.

Sie wollen Menschen für ehrenamtliches Engagement gewinnen?

Ja. Es wäre ein Gewinn für alle, wenn es davon noch viel mehr geben würde – bei uns und bei anderen Organisationen, mit denen wir eng vernetzt sind. Denn ehrenamtliches Engagement ist doch der Schatz jedes Gemeinwesens.  

 Interview: Liliane Jolitz

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