Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 0 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
„Neue Bauten halten keine 500 Jahre“

Lübeck „Neue Bauten halten keine 500 Jahre“

Lübecks prominenter Architekt Ingo Siegmund über die Probleme mit komplexen Gebäuden wie der MuK.

Voriger Artikel
Einer der ganz Großen: Eagles-Gitarrist Glenn Frey ist tot
Nächster Artikel
Als die Literatur die Utopie erfand

Lübeck. Lübecks Musik- und Kongresshalle ist gut 21 Jahre alt und schon so baufällig, dass sie für 22,3 Millionen Euro saniert werden muss. Wie kann so etwas passieren?

Ingo Siegmund: 22,3 Millionen Euro hören sich erschreckend an. Ob die Zahl realistisch ist, weiß derzeit aber noch niemand genau.

Ende des Monats wird man darüber Genaues wissen. Doch zweifellos muss die MuK umfangreich saniert werden.

Siegmund: Bei jedem Gebäude müssen dafür Rücklagen gebildet werden. Wenn ich von einem angemessenen Wert — zwei Prozent der Bausumme pro Jahr — ausgehe, wären das bei einer Bausumme von 35 Millionen Euro nach 21 Jahren 14,7 Millionen Euro zuzüglich der Verzinsung.

Handelt es sich bei der MuK um einen Fall von Vernachlässigung?

Siegmund: Was bisher in die Bauunterhaltung gesteckt worden ist, kann ich nicht beurteilen. Aber dass ein so komplexes Gebäude mit so viel komplizierter Technik nach 20 Jahren mal wieder runderneuert werden muss, ist normal. Auch der Einfamilienhausbesitzer bildet Rücklagen, weil er weiß, dass irgendwann das Dach kaputt ist oder die Heizung erneuert werden muss. Für ein Gebäude wie die MuK, das so viel Haustechnik hat, gilt das erst recht. Denn die Technik macht es besonders anfällig.

In Lübeck stehen Gebäude aller Epochen. Wird heute nicht mehr für die Ewigkeit gebaut?

Siegmund: Erstens stehen nur noch die Gebäude, die nicht zusammengefallen sind. Das gilt übrigens auch für die Kirchen. Etliche Kirchen sind schon während der Bauphase zusammengefallen. Zweitens war die Bauweise früher eine andere. Wenn ein Gebäude im wesentlichen nur aus gemauerten Wänden, Fußboden, Fenstern und einer Treppe besteht, dann ist es weniger anfällig. Drittens aber würden auch historische Häuser nicht ewig halten, wenn man sie nicht ständig unterhalten würde.

Die Altstadt-Kirchen — zum Teil während Kriegen zerstört und wieder aufgebaut — stehen aber alle noch. Mit Ausnahme der Burgkirche. . .

Siegmund: . . . die ebenso wie St. Johann auf dem Sande wegen Baufälligkeit abgebrochen wurde.

Trotzdem: Warum halten alte Bauten länger?

Siegmund: Man hat weniger kompliziert gebaut und weniger unterschiedliche Materialien verwendet. Außerdem hatten die Gebäude viel geringere technische Anforderungen. Mit der Technik wächst auch die Zahl der Schwachpunkte. Nehmen wir nur den eigentlich relativ einfachen Holzrahmenbau (Anm.: Nachfolgeverfahren des Fachwerkbaus, häufig bei Einfamilienhäusern eingesetzt), den es früher in dieser Form nicht gab. Hier ist das Funktionieren der Konstruktion davon abhängig, dass eine Folie überall hundertprozentig dicht ist. Da muss der Handwerker nur ein wenig müde beim Bauen sein oder der Bewohner ein zu tiefes Loch in die Wand bohren, und schon wird die Konstruktion feucht und beginnt zu verrotten. Da sind die Risiken bei klassischen Bauweisen wesentlich geringer. Als noch schlimmer empfinde ich allerdings Wärmedämmverbundfassaden, die ähnlich anfällig sind, zumeist nach kurzer Zeit unansehnlich werden und uns Unmassen von Sondermüll hinterlassen.

Warum wird so gebaut? Weil es billiger ist?

Siegmund: Die Kosten sind häufig nicht so viel geringer. Aber man baut schneller, erhält schmalere Wände und damit mehr Wohnfläche. Das kann für die Bauherren von großer Bedeutung sein.

Was wird aus unserer Zeit der Nachwelt an Architektur hinterlassen? Werden das 20. und das 21. Jahrhundert auch später noch im Stadtbild sichtbar sein?

Siegmund: Von den Holzrahmenbauten werden sicherlich nur wenige das 21. Jahrhundert überleben. Am besten werden die Bauwerke halten, bei denen die Konstruktion einfach ist, die eingesetzten Materialien robust sind wie zum Beispiel Beton oder Ziegel, die schon von daher leicht zu sanieren sind. Einen einzelnen kaputten Stein kann ich rausnehmen und ersetzen. Bei komplizierten modernen Fassaden geht das häufig nicht mehr so einfach. Die werden alle keine 500 Jahre halten, oder sie werden so überformt, dass das Ursprüngliche nicht mehr erkennbar ist.

Wie ausgeprägt ist der Wille der Bauherren öffentlicher Gebäude, nachhaltig zu bauen?

Siegmund: Bei der Stadt Lübeck müsste er eigentlich vorhanden sein, insbesondere bei den technischen Mitarbeitern. Aber der extreme finanzielle Druck steht häufig dagegen. Wenig ausgeprägt ist der Nachhaltigkeitsgedanke häufig bei Investoren, die verkaufen wollen. Da wird selten über die Gewährleistungsfristen hinaus gedacht.

Prämierter Architekt
Ingo Siegmund (57) ist erster Vorsitzender des Architekturforums Lübeck. Er ist freiberuflicher Architekt im Büro Konermann Siegmund Architekten (bis 2003 Konermann Pawlik Siegmund). Das Büro wurde 2003 mit dem BDA- Preis Schleswig-Holstein für die Kunsthalle St. Annen ausgezeichnet. 2014 erhielt es den Otto-Borst-Preis für das Ulrich-Gabler-Haus in Lübeck.
Online-Petition für die MuK
Die Lübecker lieben ihre Musik- und Kongresshalle (MuK) und setzen sich massiv für deren Erhalt und Sanierung ein. Vorige Woche hatten die LN und die Musik- und Kongresshallen GmbH eine Online-Petition gestartet. 741 Menschen haben sich bisher zu „ihrer“ MuK bekannt.



Wer die Petition unterzeichnen möchte, kann das im Internet unter www.Luebeck-liebt-MuK.de tun. Die gesammelten Stimmen werden der Lokalpolitik übergeben.

Interview: Liliane Jolitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
JVA-Skandal vor Gericht
Von Curd Tönnemann

Ja, juristisch gesehen kann sie die Aussage verweigern. Nach moralischen Maßstäben aber hätte Agnete Mauruschat, ehemalige Chefin der Lübecker Justizvollzugsanstalt, ...

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Kultur im Norden

LIVE: Reden Sie über Ihren Kultur-Abend

Wie war die Theaterpremiere? Wie ist die Stimmung bei der 90er Party? Wie hat Ihnen das Konzert gefallen? Hier unterhält sich Lübeck und die Region über Kultur und Szene!

Bitte beachten Sie: Dieser Chat wird nicht regelmäßig moderiert. Bitte verhalten Sie sich daher so, wie Sie es auch im persönlichen Gespräch tun würden. Schreiben Sie uns eine Mail, wenn Ihnen Inhalte auffallen, die hier nicht stehen sollten.