Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Neue Kunst erobert die Provinz
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Neue Kunst erobert die Provinz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:15 01.11.2013
Jurymitglied Susanne Adler mit der prämierten Arbeit vom Janine Gerber aus Klein Barnitz (Kreis Stormarn). Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Plön

Die Vertriebenen spielen nicht die Opferrolle, sondern gehen in die Offensive — hinaus ins Land. Nachdem die Jahresausstellung der Gemeinschaft Lübecker Künstler 20 Jahre lang im Burgkloster hochwertige neue Kunst aus der Region präsentierte, bekam die Schau zwar zunächst Asyl in der Kunsthalle St. Annen. Doch nur alle zwei Jahre kann sie dort stattfinden.

Jetzt, im Zwischenjahr, wird die Gemeinschaft der Stadt, in deren Namen und Mauern sie tätig ist, untreu, sie bringt ihre Kunst nach Plön. In zwei Gebäuden werden 94 Werke von 34 Künstlern gezeigt:

oben beim Schloss im ehemaligen Schwimmbad, das jetzt Kulturforum ist, und unten im Kreismuseum, wo sonst Kunsthandwerk seinen Platz hat.

Die Künstlerin Susanne Adler, die in der Jury sitzt, die aus 300 Bewerbungskunststücken eine ausstellungsfähige Anzahl herausgefiltert hat, ist nicht unglücklich über den Abstecher in die Holsteinische Schweiz: „Das Lübecker Publikum hat die Geeignetheit zum Ausflug, und die Plöner kriegen mal neue Kunst zu sehen.“ Jurymitglied Angela Köhler vom Lübecker Kunstraum Mühlenstraße schwärmt von der lichtdurchfluteten Schwimmhalle. „Die Bilder sollen ja mitarbeiten bei der Hängung und selbst ihren Platz finden“, sagt sie. Sie besteht darauf, dass es hier „Kraftorte“ für jedes Stück gibt.

Für ein Werk der auch bundesweit namhaften Regine Bonke ist dieser Ort der Fußboden: Da liegt ein graues Winkelobjekt mit einem Ende aus rot leuchtendem Plexiglas — eine Stolperfalle, die sich dem Gefüge des zentralen Raums entgegenstellt. Der Metallbildner Winni Schaak ist mit einigen seiner Skulpturen aus Kortenstahl vertreten — raffiniert gearbeitete Körper, die mit der Perspektive spielen.

Ann-Carolin Zielonka zeigt abstrakt wirkende Fotos, ineinander verlaufende Farben, eine skurrile Form mit insektenhaftem Schatten auf weißem Grund. „Ergebnisse meines Bogenschießens in der Küche“, sagt sie: Sie hat das großformatige Bild von Öl und Essig auf dem Boden ihrer Salatschüssel zur Kunst erklärt, ebenso das einer übermütigen Kastanienblüte auf dem geschlossenen Elektroherd. Es gibt auch neue Namen und Blickwinkel in der Gemeinschaft: Der Maler Thai Lüdie hat Kleinformate mit figürlichen Motiven beigesteuert — Gestalten in weißem Raum, die fliehen oder sich von Bild zu Bild aufeinander zubewegen, die aber auf jeden Fall einsam sind.

Den Preis der Gemeinschaft erhält in diesem Jahr Janine Gerber. Sie lässt in einem Nebenraum eine weiße Papierbahn, die Verletzungen aufweist, doppelt von der Decke hängen. Dazu zeigt sie Bilder in zerfließenden Grautönen. Eine sehr meditative Arbeit. Die Gemeinschaft wird Janine Gerber nun eine Einzelausstellung ausrichten Im Kreismuseum hat die neue Kunst Altes verdrängt. Und doch zitiert hier das zentrale Werk Historisches: Unter einer Rokokodecke hängt ein Lüster, über den Boden scheint ein Fluss zu plätschern: In stetem Rhythmus liegen auf Spiegeln Glaskugeln. „Perlenteppich für H.“ nennt Mareile Schröder ihre Installation. Sie erzeugt je nach Tageslicht mystische Spiegelungen und provoziert zum Eintauchen.

Mit der Ausstellung bricht die Gemeinschaft mit der langen Tradition der Lübecker Jahresschauen — zumindest für den Moment. Vielleicht wird ja eine Tradition daraus, dass sich die Künstler alle zwei Jahre an andere Orte im Land wagen. Städte sollten sich bewerben.

Wandernde Kunst
Die Gemeinschaft Lübecker Künstler besteht seit 1946, 17 Gründungsmitglieder hatte der Verein. Sie stellten anfangs im Behnhaus aus, dann in immer wechselnden Räumen auf der Altstadtinsel. Von 1990 an gab es regelmäßig zwei Jahresausstellungen im Kulturforum Burgkloster bis zu dessen Schließung 2011. Im vergangenen Jahr stellte die Gemeinschaft in der Kunsthalle St.

Annen aus, jetzt erstmals in Plön.

Ausstellungseröffnung: morgen, 11 Uhr, im Kulturforum Schwimmhalle Plön mit Musik und Sektempfang. Die Ausstellung ist dort und im Kreismuseum bis 24. November zu sehen.

Michael Berger

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Erben gegen Preußen-Stiftung: NS-Raubgut oder „angemessen bezahlt“?

01.11.2013

Beschweren kann man sich über alles, über das Wetter, über die schlechten Straßen, über die Lokalpolitik und darüber, dass „Griechenland ausgeplündert“ wird.

01.11.2013

Filmemacherin Katja Adomeit zeigt ihr Regiedebüt.

01.11.2013