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Kultur im Norden Neue Wörter im Duden: Sprachpanscher oder Spiegel der Zeit?
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19:12 07.08.2017
Zu den 5000 neuen Wörtern, die in der Neuauflage des Duden erscheinen, gehört auch Fake-News. Quelle: Foto: Dpa

. „Noch weiter verbreitet als Hasskriminalität: kriminelle Schreibweise.“ „Überhaupt nicht sexy: wenn Sie tindern falsch schreiben.“ Mit solchen Werbesprüchen weist der Duden in der nächsten Zeit auf seine um 5000 Stichwörter erweiterte Neuauflage hin, die morgen erscheint. Der Duden will weg vom Image des angestaubten Nachschlagewerks und auch Spaß an Sprache vermitteln. „Wir möchten zeigen, was man mit Sprache alles machen kann – eben nicht nur relativ dröge Wörterbücher“, sagt Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum. 

Alle drei bis fünf Jahre wird das Nachschlagewerk aktualisiert. „Nach dieser Zeit gibt es genug Entwicklungen im Wortschatz, die man gerne abbilden möchte“, sagt Kunkel-Razum. Hinzu kommen diesmal einige wenige Rechtschreib-Änderungen, wie die kürzlich vom Rat für Rechtschreibung beschlossene Einführung eines großen Eszetts.

Diesmal reicht das Spektrum der neuen Wörter von Selfie bis facebooken und von postfaktisch bis Fake News. Internetblog ist ebenso dabei wie die Eigennamen der Apps Instagram und Snapchat. Andere Wörter waren, teils erstaunlicherweise, bisher nicht verzeichnet: Kopfkino zum Beispiel. Auch für die Aufnahme aller Bundeskanzler hat sich die Redaktion nun erst entschieden. „Merkel, Angela“: Auch das ist damit ein Stichwort von insgesamt 145 000 der 27. Auflage – mehr als fünfmal so viele als im Urduden von 1880.

Ein rund 15-köpfiges Kernteam habe die neue Ausgabe erarbeitet, sagt Kunkel-Razum. „Im Prinzip reden aber 80 Millionen Menschen mit.“ Die Entscheidungen zur Neuaufnahme von Wörtern basieren auf einer riesigen elektronischen Textsammlung. Eingespeist werden Zeitungsartikel, aber zum Beispiel auch Gebrauchsanweisungen und Romane. Für Neuauflagen filtern Computerlinguisten neue Begriffe heraus. Am Ende stehen ellenlange Listen, aus denen Redakteure Aufnahmekandidaten auswählen.

Für die Aufnahme seien mehrere Kriterien entscheidend: Wörter müssen häufig und in unterschiedlichen Textsorten vorkommen. Enthaltene Rechtschreibtücken sind auch ein Faktor. Daneben geht es um die Dokumentation gesellschaftlicher Entwicklungen und Service: Manche Nutzer glauben, dass es ein Wort nicht gibt, wenn es nicht im Duden steht, sagt Kunkel-Razum. Entsprechend viele Neuaufnahmen sind zusammengesetzte Substantive, wie Flüchtlingskrise und Mütterrente.  

Dann sind da noch Einträge wie Work-Life-Balance und Phablet (gebildet aus Phone und Tablet), ein Handy mit großem Display. Droht da erneut eine Debatte über Anglizismen im Deutschen? Der Verein Deutsche Sprache etwa verlieh Duden nach der 2013er- Ausgabe den Negativ-Titel „Sprachpanscher des Jahres“ mit der Begründung, es seien „lächerliche Angeber-Anglizismen“ aufgenommen worden.

Warum sage man nicht einfach Klapprechner statt Laptop, fragte der Verein.

Darauf angesprochen, hält Kunkel-Razum einen Moment inne: „Da kann man sich drüber ärgern und sagen, die Leute verstehen nicht so viel von Sprachentwicklung, sonst wären sie nicht auf die Idee gekommen.“ Sie sorge sich nicht um das Deutsche, das System sei anpassungsfähig. Der Einfluss aus dem Englischen gerade bei technischen Entwicklungen sei nun einmal Fakt. Letztlich hänge alles vom Gebrauch ab.

Wie gefragt aber ist das Nachschlagewerk zum Anfassen und zum Preis von nun 26 Euro im Online-Zeitalter noch? Wie sich die Verkäufe entwickeln, will Kunkel-Razum nicht sagen. Man sei „nach wie vor sehr, sehr zufrieden“. Aber natürlich schaffe sich Duden mit dem eigenen Online-Angebot Konkurrenz. In Büros und Schulen etwa gehöre der gedruckte Duden aber nach wie vor zur Ausstattung.

In der Broschüre für Buchhändler und Journalisten mit kommenden Titeln ist dann doch eine Zahl verzeichnet, die auf Millionenumsätze schließen lässt: 850 000 Exemplare des Duden von 2013 seien über die Ladentische gegangen – ein Signal an Händler: Achtung, Bestseller!

Von Flexitarier bis Tüddelkram

Zeitgeschichtliches: Flüchtlingskrise, Lügenpresse, Volksverräter, Willkommenskultur, postfaktisch, Hasskriminalität, Schmähgedicht, Fake News, Drohnenangriff, Kopftuchstreit, Brexit, Jobaussicht, queer (einer anderen als der heterosexuellen Geschlechtsidentität zugehörig), Flexitarier, Wutbürgerin (männliche Fassung war bereits enthalten)

Technologisches: Selfie, Selfiestick, Tablet, Social Bot (Computerprogramm, das wie ein Mitglied eines Sozialen Netzwerks agiert), pixelig, Datenbrille, Emoji.

Modisches: Undercut, Work-Life-Balance, Low Carb, Hoodie, Urban Gardening, Roadtrip, Hygge (Gemütlichkeit), Jumpsuit

Umgangssprachliches: verpeilen, rumeiern, abgezockt, futschikato, Tüddelkram (Unwichtiges), runterwürgen, Honk (Dummkopf, Idiot)

Gisela Gross

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