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Kultur im Norden Neues Buch von Willy Brandt
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17:04 11.10.2018
Der junge Willy Brandt im skandinavischen Exil. Quelle: Willy-Brandt-Archiv
Lübeck

Das Buch war fertig an diesem 8. April 1940, das erste Exemplar lag mittags auf Willy Brandts Osloer Schreibtisch. Aber zur gleichen Zeit überfiel die Wehrmacht das neutrale Norwegen, und es wurde nicht mehr ausgeliefert. Es verschwand, all die Arbeit war umsonst. Jetzt erscheint es doch noch, auf Deutsch und dank der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung.

Willy Brandt war Mitte 20, als er „Die Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa“ verfasste. Ein junger Sozialist aus Lübeck, der vor den Nazis nach Skandinavien geflohen und inzwischen ausgebürgert worden war. Er arbeitete in der norwegischen Arbeiterbewegung und als Journalist. Er redete und schrieb. Er tat das, was er auch schon zu Hause in der alten Hansestadt getan hatte. Das Buch sollte seine erste größere Publikation werden.

Er zeichnet den Weg nach zum Zweiten Weltkrieg, der im Buch als „Großkrieg“ in Erscheinung tritt. Deutschland habe ihn entfesselt, daran lässt er keinen Zweifel. Aber es stünden wie beim Ersten Weltkrieg keine Ideologien dahinter, sondern imperialistische Interessen. Dann dekliniert er die Ziele der großen Kriegsparteien durch, bevor er im zweiten Teil des Buches die Zukunft in den Blick nimmt: „Europas Vereinigte Staaten“.

Das ist einigermaßen kühn im ersten Kriegsjahr, aber allein steht Brandt damit nicht. Er referiert denn auch die Geschichte dieser ungeheuren Idee bis hin zu Überlegungen des englischen Quäkers John Bellers aus dem Jahr 1710 und macht deutlich, wie visionär manche dieser Gedanken waren. Der „New York Times“-Journalist Clarence K. Streit etwa listete 1939 einige Grundpositionen auf, die später in der Europäischen Union fast eins zu eins umgesetzt wurden – von der einheitlichen Währung bis zum Verschwinden der Zollgrenzen.

Klar ist für Brandt, dass der föderative Gedanke nicht vom demokratischen gelöst werden kann. Das kommende neue Deutschland dürfe nicht von den Märkten ausgeschlossen werden, der „Preußerismus“ gehöre unschädlich gemacht und das Völkerrecht erneuert. Internationale Institutionen könnten „nur Macht und Autorität erhalten, wenn die einzelnen Staaten auf einen Teil ihrer nationalen Souveränität“ verzichten. Von einer „europäischen Planwirtschaft“ ist die Rede, die schon bald „den Lebensstandard für alle Völker in Europa“ erhöhen könne. Und Brandt warnt davor, mit einem „Friedensdiktat“ die Fehler des Versailler Vertrages zu wiederholen. Er wendet sich auch gegen Entschädigungszahlungen an die Sieger. Hilfe beim Wiederaufbau sei vielmehr eine Aufgabe für „alle Länder“.

Der Mann, der später in der Bundesrepublik als „Vaterlandsverräter“ beschimpft wurde, der sich von Franz Josef Strauß anhören musste: „Was haben Sie zwölf Jahre lang draußen gemacht?“ und von Konrad Adenauer als „Herr Brandt alias Frahm“ tituliert wurde, der setzt sich hier für ein Deutschland ein, das nach der erhofften Niederlage nicht gedemütigt gehöre. „Solche Bestrebungen haben sich immer gerächt“, schreibt er. „Je schwerer die Bürde wird, desto stärker trifft sie den Selbstrespekt, desto stärker greift der Gedanke der Rache um sich.“

In seiner Autobiografie „Links und frei“ erinnert sich Brandt an diese Tage der Invasion Norwegens und an das Verschwinden seines Buches. Es habe „seine möglichen Leser nie erreicht“, schreibt er. „Vielmehr musste die kleine Auflage eingestampft werden, nachdem die Gestapo sich den Verleger vorgeknöpft hatte.“ Ähnlich liest man es in seinen sieben Jahre später erschienenen „Erinnerungen“, nur dass dort aus den „Analphabeten“, die die Gestapo geschickt hatte, „banausenhafte Gestapoleute“ geworden waren.

Vermutlich sind 1940 nur weniger als zehn Exemplare erhalten geblieben, schreibt der deutsch-norwegische Historiker Einhart Lorenz, der das Buch übersetzt und herausgegeben hat. Auch habe Brandt es wohl auf Norwegisch verfasst, denn ein deutsches Originalmanuskript existiere „offenbar nicht“. Jetzt, ein Menschenalter später, kann man es doch noch lesen.

Willy Brandt, „Die Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa“, herausgegeben und eingeleitet von Einhart Lorenz, Verlag J. H. W. Dietz, 148 Seiten, 18 Euro

Peter Intelmann

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