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Neues Orchester wagt den Sprung ins kalte Wasser

Lübeck Neues Orchester wagt den Sprung ins kalte Wasser

Das „Aufruf Ensemble“ bringt Klassik an ungewöhnliche Orte: Im Lübecker Altstadtbad Krähenteich trifft am Sonnabend Barock auf Moderne.

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Streichorchester „Aufruf“ am Krähenteich. 3. von links: Leiter Nicholas Hancox. Vorne plantschen Janne, Lena und Klara.

Quelle: Thorsten Wulff

Lübeck. Janne, Lena und Klara planschen im Krähenteich, die Grundschülerinnen haben heute frei. Über das Freibad wehen Streicherklänge. Im Eingangsgebäude probt das „Aufruf Ensemble“ – ein Frischling in der Lübecker Musikszene. 20 Musiker, die zum Teil im bei den Lübecker Philharmonikern fest oder als Gäste spielen, und Studentinnen und Studenten der Musikhochschule proben Werke von Antonio Vivaldi, Pietro Locatelli, Arvo Pärt und Steve Reich.

Nicholas Hancox, Solobratschist am Philharmonischen Orchester Lübeck, dirigiert das Streichorchester. Das Ensemble und sein Leiter haben nur noch wenig Zeit bis zur Premiere: Am kommenden Sonnabend präsentieren sie auf der Bühne des Altstadtbades ihr erstes Programm „Barock trifft Minimalismus“.

Ein Sprung ins kalte Wasser für die hochmotivierten Musiker, denn man könnte auch die Frage stellen: Wie viel Klassik verträgt Lübeck? Morgen beginnt der Lübecker Orgelsommer, am Sonnabend ist Auftakt für das Schleswig-Holstein Musik Festival, am Sonnabend startet auch das Musikfest „Kunst am Kai“ im Hafenschuppen C. Doch das alles ist keine Konkurrenz für Nicholas Hancox, der das „Aufruf Ensemble“ ins Leben gerufen hat. „Lübeck hat keinen Mangel an Ressourcen und Geld. Lübeck hat einen Mangel an Ideen“, postuliert der 1984 in Neuseeland geborene Musiker mit beeindruckender Vita. Er hat in München, Michigan (USA) und Wellington (Neuseeland) studiert, mit berühmten Dirigenten wie Kent Nagano, James Levine und Fabio Luisi zusammengearbeitet und Dirigieren als Studienfach belegt.

Seit vier Jahren spielt Hancox bei den Lübecker Philharmonikern. „Ich mag die Stadt sehr. Aber warum ist klassische Musik nur im Konzertsaal, in Kirchen oder Opernhäusern zu hören?“, fragt er. „Wir müssen da spielen, wo junge Menschen Musik hören.“

Musik für alle an ungewöhnlichen, aber beliebten Orten, so kann man sein Konzept zusammenfassen. Im Freundes- und Kollegenkreis suchte Hancox nach engagierten Musikern, die ebenfalls Musik unters Volk bringen wollten. Für Hancox sind nicht nur die Orte – neben dem Altstadtbad auch das Treibsand auf der Wallhalbinsel – relevant bei diesem Projekt. „Hier spielen Voll- und Fast-Profis gemeinsam mit Studenten“, diese Mischung sei inspirierend.

Auch bei der Musikauswahl setzt er Akzente. „Barock ist die Grundlage , die Musik der Sinnlichkeit und Natur. Aber was passiert, wenn man sie mit der Musik der Postmoderne und des Automatismus zusammenbringt? Es macht mir Spaß, die alten und neuen Meister zu verbinden“, sagt Hancox. Und so lässt er den Venezianer Vivaldi gegen den Esten Pärt antreten und den Barock-Europäer Locatelli gegen den US-Minimalisten Reich.

Der britische Geiger John Doig, der an der Lübecker Musikhochschule studiert hat und jetzt bei den Hamburger Philharmonikern spielt, ist als Solist im „Aufruf Ensemble“ zu hören und von dieser Idee begeistert. Ähnliche Projekte könnte er sich mit dem Ensemble im kommenden Jahr an Spielstätten der Subkultur in Hamburg vorstellen. Er sieht auch in anderen Ländern den Trend, dass junge Musiker neue Wege gehen, Klassik aus der elitären Ecke zu holen. Oder wie Hancox formuliert: „Der König hat es bezahlt, aber es wird für alle gespielt.“

Bezahlt hat die Musik in diesem Fall zum Teil die Possehl Stiftung. Sie unterstützt das Projekt, so dass das Honorar für die Musiker garantiert und ein geringer Eintritt – zehn oder fünf Euro – möglich ist. Und Schwimmer, die in diesen Tagen im Freibad ihre Runden ziehen, genießen die Probenmusik gratis.

Klassik an ungewöhnlichen Orten

Sonnabend, 2. Juli, 19.30 Uhr: Konzert im Altstadtbad, Lübeck, An der Mauer 52.

Sonnabend, 9. Juli, 21.30 Uhr: Konzert im Treibsand, Lübeck, Willy-Brandt-Allee 9.

Programm Antonio Vivaldi: Concerto Grosso in g-Moll. Pietro Locatelli: Concerto Grosso XI. Arvo Pärt: „Fratres“ für Solo-Violine, Streicher und Schlagzeug, Solist: John Doig.

Pietro Locatelli: Concerto Grosso II + VII. Steve Reich: „Triple Quartet“.

Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 5 Euro

• Weitere Informationen:

www.aufrufensemble.de

Petra Haase

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