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Neues, Schönes, Widerspenstiges

Lübeck Neues, Schönes, Widerspenstiges

Jahresschau Lübecker Künstler in der Kunsthalle St. Annen – Klaus Ammann ist Künstler des Jahres.

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Ulrike Traub, Vorsitzende der Gemeinschaft Lübecker Künstler, inmitten von Ute Lübbes „Schwarmprojekt“. FOTOS: ULF-KERSTEN NEELSEN

Lübeck. Die Lübecker Künstler setzen zunehmend auf den Blick von außen – und fahren gut damit. Vier der sieben Mitglieder der Jury, die die Werke für die diesjährige Jahresschau in der Kunsthalle St. Annen ausgesucht hat, gehören nicht zur Gemeinschaft Lübecker Künstler. Das Ergebnis: eine unabhängigere Auswahl – und viele neue Namen. „Dass die Außensicht eine größere Rolle als die Innensicht spielt, hat sich gut bewährt“, sagt Christian Egelhaaf, Leiter der Jury und selbst Mitglied der Gemeinschaft Lübecker Künstler.

Von K bis M

Die Kunst des Selbstporträts XI: Im Keller der Kunsthalle sind Selbstbildnisse namhafter Künstler aus dem Nachlass von Leonie von Rüxleben (1920-2005) zu sehen. Sie werden nach und nach in alphabetischer Reihenfolge ausgestellt, jetzt sind Werke von Alfred Kubin, Max Liebermann, Udo Lindenberg und René Magritte an der Reihe.

Insgesamt 95 Künstler, 61 Mitglieder der Gemeinschaft und 34 externe Künstlerinnen und Künstler, hatten sich mit 320 Arbeiten beworben. Die Jury wählte daraus 87 Arbeiten von 44 Bewerbern aus. Zum dritten Mal findet die Jahresschau in der Kunsthalle St. Annen statt. Alle zwei Jahre können die Lübecker Künstler sich hier präsentieren, müssen sich zwischendrin aber immer eine andere Bleibe suchen.

Bei einem Rundgang durch die Schau wird schnell klar, womit sich die Künstler und Künstlerinnen aus der Stadt und ihrem Umland inhaltlich beschäftigen: mit Themen, die die meisten anderen Menschen auch bewegen. Das können die großen allgemeinen Fragen sein wie die nach Vergänglichkeit und Erinnerung oder aktuelle Dinge wie Flucht und Suche nach Zugehörigkeit.

Es gibt Arbeiten, die ganze Räume dominieren, wie Uta Lübbes „Schwarmprojekt“. Sie lässt unzählige quallenartige Wesen im Raum schweben. Wesen, die nicht abstoßend, schleimig und lästig wirken, sondern von zarter Schönheit sind. Da drängt sich nicht der Gedanke auf, dass es hier um die Unmengen Plastikmüll geht, die die Weltmeere zu ersticken drohen. Die eigenartigen Wesen aber bestehen aus PET-Flaschen und Strandgut.

„Es galt, einen Querschnitt der Lübecker Ateliers zu zeigen, zu entdecken, was neu, fremd, vielleicht auch noch widerspenstig ist“, schreibt Gerhard Graulich, Vize-Direktor des Staatlichen Museums Schwerin und Jury-Mitglied, im Katalog zur Ausstellung. Das ist gelungen. 35 Malereien sind in der Schau zu sehen, 17 Foto- und zehn grafische Arbeiten, zehn Installationen und sechs Skulpturen.

Außerdem ein Video, das von Christian Egelhaaf stammt. Das Schwarzweiß-Video mit dem Titel „Wind“ beginnt ruhig, entwickelt sich aber weiter bis zum Sturm. Im selben Raum zeigt der Lübecker Künstler Rüdiger Fischer „Patchworks of The Past“. Fischer hat unzählige Dias zerschnitten und zu Bildern zusammengesetzt, in denen sich Orte und Menschen zu einer neuen Einheit zusammenfügen. Sein Thema ist die Erinnerung, die nicht exakt ist, sondern fragmentarisch, unvollständig und unwirklich.

Mehrere Arbeiten haben Flucht und Suche nach einer neuen Heimat zum Thema. Maria Gust zum Beispiel zeigt ein Bild, das von einem Stück Erde, vielleicht einem Acker, beherrscht wird. Ein kleines Haus steht auch darauf. Als die große Flucht begann, habe sie sich damit beschäftigt, was Menschen brauchen vom vorläufigen Unterschlupf bis zum neuen Zuhause, sagt sie. Ihr Bild „Und ein Stück Land“ gibt wieder, dass es um mehr geht als um ein Dach über dem Kopf. Hanne Kühners großformatiges Bildrelief „Der Weg“ mutet wüstenartig an. Eine sandfarbene Landschaft, vorn flach und grasbewachsen, die zum Horizont hin hügelig wird unter einem blassen Himmel. „Das Meiste habe ich mit der Flex aus dem Holz geschnitten“, sagt die Künstlerin. Kühner, die ein halbes Jahr auf Wanderschaft war, hat eigene Erfahrungen mit Bildern verknüpft, die sie von Flüchtlingen gesehen hat. Das Gemeinsame: Der Mensch kann zu Fuß eine große Strecke schaffen.

Auch andere Künstler nähern sich schweren Themen, ohne in Schwermut zu verfallen. Das gilt besonders auch für Klaus Ammann, den die Jury einmütig zum Jahresschaupreisträger 2016 erklärt hat. Ammann, Jahrgang 1932, sei „einer der großen Stillen im Lande, der nie aufgehört hat zu forschen und zu entdecken“, sagt Künstler-Freund Rainer Bendfeldt. In der Jahresschau zeigt Ammann die Arbeiten „Für Atahualpa“ und „Drei ungleiche Brüder“. Seine Hommage an den letzten Inka-Herrscher hat Ammann aus Fundstücken, Holz, Metall und anderen Sachen geschaffen. Sie soll an die Brutalität erinnern, mit der Kolonialherren aus Europa mit Völkern Amerikas, aber auch Asiens und Afrikas umgegangen sind.

Eröffnung am Sonntag, 27. November, um 11.30 Uhr. Bis 15. Januar.

Liliane Jolitz

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