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Neun Blicke auf Günter Grass

Lübeck Neun Blicke auf Günter Grass

Am ersten Todestag des Nobelpreisträgers trafen sich Freunde, Wissenschaftler und Weggefährten zu einer langen Nacht der Erinnerung.

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Am ersten Todestag des Nobelpreisträgers trafen sich Freunde, Wissenschaftler und Weggefährten zu einer langen Nacht der Erinnerung.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Neue Veranstaltungsformate bergen Risiken in sich. Die Gedenkveranstaltung im Günter Grass-Haus, bei der neun Freunde und Wegbegleiter des vor einem Jahr verstorbenen Nobelpreisträgers Vorträge hielten, Erinnerungen verlasen oder aus Grass‘ Werk zitierten, war ein solches neues Format. Allen Risiken konnten die Veranstalter um Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa nicht aus dem Weg gehen. Mit fast fünf Stunden Dauer erreichte der Abend fast die Dimension von Richard Wagners „Meistersingern“. Nun konnte Grass mit Wagner überhaupt nichts anfangen (mit Bayreuth erst recht nicht), insofern hinkt dieser Vergleich etwas. Auf jeden Fall war der Abend sehr, sehr lang, zu lang sogar. Irgendwann litt die Konzentration, bei vielen Besuchern stellten sich Rückenprobleme ein. Aber immer, wenn man glaubte, es ginge nicht mehr weiter, dann trat jemand ans Rednerpult, der nicht nur etwas zu sagen hatte, das hatten schließlich alle neun Referenten. Es trat dann jemand ans Pult, der Persönliches berichtete, Persönlichstes sogar. Und das entschädigte für alles.

Der Auftritt von Benjamin Lebert etwa berührte zutiefst. Lebert, der als Teenager mit seinem Debütroman „Crazy“ berühmt wurde, ist eines der Gründungsmitglieder des Lübecker Literaturtreffens. Er habe „Günter“ viel zu verdanken, sagte er. „Wir alle sind irgendwie eingesperrt, aber manche schauen zu den Sternen. Zu denen gehörte Günter. Die Sterne, die er uns gegeben hat, leuchten aber noch immer“, sagte Lebert. Lebert zitierte Grass-Gedichte von den 50er Jahren bis zum letzten, posthum erschienen Buch „Vonne Endlichkait“ und schloss mit einem ergreifenden Bekenntnis: „Er fehlt mir in der Flüchtlingsdebatte. Er fehlt mir, wenn ich Tänzer sehe. Er fehlt mir, wenn ich ihn höre.“ Bei diesen Worten fiel es vielen Besuchern im ausverkauften Grass-Haus schwer, nicht in Tränen auszubrechen.

Benjamin Leberts Miniaturen zu Günter Grass waren der emotionale Höhepunkt des Abends. Den intellektuellen Höhepunkt lieferte Martin Kölbel, der Herausgeber des Briefwechsels zwischen Willy Brandt und Günter Grass. Interessierte wissen natürlich, dass das Verhältnis zwischen dem Politiker und dem Schriftsteller nicht immer spannungsfrei war, im Gegenteil. Aber es war dennoch spannend zu hören, wie sich das Verhältnis entwickelte. Zunächst hatte die SPD keinerlei Interesse am „Bürgerschreck“ Grass, dem man sogar anarchistische Neigungen unterstellte. Erst später fanden sich Brandt und Grass zu einer, wie Kölbel es nannte, „politischen Freundschaft“. Grass redigierte die Reden Willy Brandts, Brandt war eine Art politischer Lehrmeister für den Jüngeren. Beide verband ein Gegensatz: die unterschiedlichen Kriegsbiografien. Brandt überlebte das Dritte Reich im Exil, Grass hoffte bis zum Schluss auf den Endsieg. Mit seinem Engagement für die SPD in Person von Willy Brandt wollte Grass so etwas wie „persönliche Wiedergutmachung“ leisten, sagte Kölbel. In späteren Jahren gab Grass dann Brandt auch Ratschläge, die der in seinen Notizen als „Dummschwätzerei“ bezeichnete. Die Lyrikerin Karin Kiwus berichtete, dass Grass sie immer wieder aufgefordert habe, voluminöse Romane zu schreiben. Diesen Wunsch habe sie ihm jedoch nicht erfüllen können.

Wer ansonsten noch ans Pult trat, verlor sich meist im Anekdotischen. Christof Siemes von der „Zeit“ etwa flocht diverse Humoresken in seinen Bericht über den Medienprofi Günter Grass ein — es durfte an diesem Abend auch gelacht werden (was bestimmt im Sinne von Günter Grass gewesen wäre). NDR-Urgestein Hanjo Kesting hingegen zitierte aus seinen Grass betreffenden Tagebuch-Notizen. Diese waren so sorgfältig und prägnant formuliert, wie man es nur von Tagebüchern kennt, die für eine spätere Publikation vorgesehen sind (hier ließ ausgerechnet Thomas Mann grüßen). Persönlich wurde es am Ende, als der Schauspieler Andreas Hutzel sehr eindringliche Worte fand. Er erzählte von seinem Onkel, einem standhaften linken Rebellen, dem er kurz vor seinem Tod noch eine Grass-Radierung mit Widmung geschenkt habe. Das sei die letzte Freude in des Onkels Leben gewesen.

„Grimms Wörter“ mit Schlagzeug

Der Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer hat seit 1985 Lesungen von Günter Grass begleitet. Am Sonntag tritt der 1943 geborene Percussionist gemeinsam mit der Dichterin und Rezitatorin Nora Gomringer um 11 Uhr im Großen Haus des Theaters Lübeck auf. Sommer hat das Buch „Grimms Wörter“, das man auch Günter Grass‘ „Liebeserklärung an die deutsche Sprache“ genannt hat, vertont. Grass selbst hatte die Textfassung noch gemeinsam mit „Baby“ Sommer für die Bühne vorbereitet. Das Programm dauert 70 Minuten. Die Künstler wollen nachrufen, heiter und wohl gestimmt, was über die Endlichkeit des Dichters hinausreichen soll: Erinnerungen ohne Pathos, aber mit Pauken. Der Auftritt im Theater Lübeck ist eine Premiere. Eintritt: 12 (9) Euro.

Von Jürgen Feldhoff

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