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„Nichts ist lustiger als die Realität“

Interview mit Michael "Bully" Herbig „Nichts ist lustiger als die Realität“

Bully Herbig, Rick Kavanian und ihr Co-Autor Alfons Biedermann eröffneten am Mittwoch das Strandkino in Travemünde. Im Interview sprechen die Drei mit den LN vor allem über Humor - und warum man trotzdem lacht.

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„Nichts ist lustiger als die Realität“: Michael „Bully“ Herbig, Alfons Biedermann und Rick Kavanian (v. l.) in Travemünde am Strand.

Quelle: Lutz Roessler

Lübecker Nachrichten: Wie schreibt man mit vier Leuten einen Film?
Bully Herbig: Wir sind ja erprobt. Wir haben sechs, sieben Jahre lang mit den selben Leuten auch Sketche geschrieben, und es war immer sehr spießig, sehr streberhaft. Jeder hatte im Büro sein Zimmer und dann haben wir durchgetauscht. Da war zum Beispiel der Christian Tramitz bei mir im Büro und . . . der Christian war übrigens der Einzige, der kein eigenes Zimmer hatte.

LN: Aber jetzt haben Sie doch im Wellnesshotel in Tirol . . .
Herbig: Ja, lassen Sie mich doch ausreden (lacht) . . . das ist die Vorgeschichte, da müssen Sie jetzt durch. Wir haben also diese Zimmerchen getauscht, jeder durfte mal mit jedem. Am Drehbuch zum „Schuh des Manitu“ haben wir zu viert geschrieben. Bei „(T)Raumschiff Surprise“ waren wir zu dritt, also Rick, Alfons und ich. Und „Lissi und der wilde Kaiser“ haben wir noch zu zweit geschrieben. Insofern: Wir kennen jegliche Konstellation. Und jetzt, 13 Jahre später, waren wir zwar immer noch in Kontakt, aber hatten lange nicht mehr in einem Raum zum Arbeiten gesessen. Erst recht nicht in diesem Hotel, in das wir immer zum Schreiben gefahren sind. Rick sagt, es war zu Beginn ein wenig sperrig . . .

Rick Kavanian: Ich meine das gar nicht negativ . . .

Herbig: . . . ich glaube, das liegt daran, dass wir uns tatsächlich erst mal auf eine Idee einschießen mussten. Wir mussten ein Gefühl für das Ganze kriegen, und dann ging’s eigentlich los.

Kavanian: Und jeder hat auch 13 Jahre lang etwas anderes gemacht, da waren dann am Anfang ganz unterschiedliche Ideen im Raum. Man muss das erst mal strukturieren, und dann ging die Reise relativ entspannt weiter.

LN: Aber wer entscheidet nachher, was genommen wird und was rausfliegt?
Kavanian: Das ist in der Regel ein relativ demokratischer . . .

Alfons Biedermann: In der Regel entscheidet das der Bully.

(allgemeines Lachen)
Herbig: Ich hab’ den Vorteil, dass ich der Regisseur bin. Ich kann im Zweifelsfall sagen: Das krieg’ ich nicht inszeniert.

Biedermann: Der denkt sich dann Sachen aus, warum’s nicht geht. Der sagt dann nicht: Ich find’ das blöd oder so, der sagt dann: Das geht nicht, das wird zu teuer.

Herbig: Man muss aber sagen: Wenn alle vier mit einer Sache einverstanden sind, kommt’s auch ins Buch. Wenn ich da drei Nasen vor mir sitzen habe, die sich bei einer Sache wegschmeißen, und ich finde es in dem Moment nicht so komisch, dann nehme ich es trotzdem rein. Weil es ja anscheinend funktioniert.

LN: Ist das ein sicheres Indiz: Wenn drei von vier es gut finden, finden es auch 300 von 400 im Kinosaal gut?
Kavanian: Nein, auf keinen Fall. Aber in erster Linie – und das war unser Glück oder unser Privileg – zeigen wir ja das, was uns gefällt oder von dem wir glauben, dass es andere Leute unterhalten kann. Aber eine Garantie gibt es nicht.

Biedermann: Wir machen auch keine Analysen. Sagen wir mal so: Jeder von uns hat unterschiedliche Vorlieben, und wenn man die so mischt, dann gibt’s ja eine . . .

Herbig: Schnittmenge.

Biedermann: . . . ein Spektrum, und das deckt einiges ab.

LN: Also ist Humor tatsächlich „Glückssache“, wie Sie dem „Stern“ gesagt haben?
Herbig: Ich meinte, es ist Glückssache, wenn man das Humorverständnis anderer Leute trifft. Es kam schon vor, dass wir denselben Film an unterschiedlichen Tagen im selben Kino in derselben Stadt mit anderen Leuten gesehen haben, und an dem einen Tag ist eine Riesenstimmung im Saal und am anderen Tag herrscht plötzlich eine andere Energie. Das gibt es von Stadt zu Stadt, und am meisten – Rick kann ein Lied davon singen – spürt man es, wenn man live auf der Bühne steht. So ein Publikum hat eine Energie, immer. Und entweder saugt es dir die Energie weg, oder es beflügelt dich. So ist es auch im Kinosaal. Das kann man nicht erklären.

Kavanian: Bei dem „Stern“-Zitat ging es auch darum, dass Humor zu bewerten immer wahnsinnig schwierig ist. Bully hat es eigentlich ganz schön formuliert, als er sagte: Ich kann nicht beurteilen, was lustig ist, sondern ausschließlich sagen, was ich lustig finde. Und das ist manchmal etwas anders als das, was ich oder Alfons lustig finden.

Herbig: Das ist jetzt kein Gejammer. Wir werden sehr wohlwollend mit diesem Film aufgenommen, auch wenn wir feststellen, dass es Leute gibt, die ihn nicht mögen. Aber das war bei den anderen Filmen auch schon so. Wir haben schon immer polarisiert! Immer! Im Radio schon, im Fernsehen, beim Film. Wichtig ist: Man kann sich nicht hinstellen und sagen: Das ist lustig und das nicht. Das wäre anmaßend.

LN: Großartig beim neuen Film waren die Outtakes am Schluss, also die verunglückten Szenen beim Drehen. Kann man das nicht mal ausdehnen?
Herbig: Man könnte natürlich sagen, dass ein Film, bei dem die Outtakes das Beste sind, womöglich ein Problem hat. Ich sehe das ganz anders. Unsere Outtakes sind so ehrlich, so besonders, dass du eigentlich . . .

Biedermann: Wir haben die alle so geschrieben.

Herbig: . . . ich sag's mal so. Ein Fußballspiel, das über die Verlängerung geht, kann unheimlich unterhaltsam sein. Aber das Spannendste ist immer das Elfmeterschießen. Das ist bei den Outtakes auch so. Nichts ist lustiger als die Realität.

Interview: Peter Intelmann

 

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