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Kultur im Norden Nico Semsrott als Demotivationstrainer
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18:29 07.11.2018
Nico Semsrott ist als selbst ernannter Demotivationstrainer auf der Bühne wohl eher das Gegenteil: Sein Depri-Programm zieht beim Publikum. Quelle: Andreas Hopfgarten
Hamburg

Als ewiger „Pessimist“ mit weit ins Gesicht gezogenem Kapuzenpulli wurde Nico Semsrott in Satireformaten wie der „Heute Show“ bekannt. Mit seinem Soloprogramm „Freude ist nur ein Mangel an Information“ ist der 32-Jährige am Sonnabend, 10. November, im Kolosseum zu sehen.Alexander Bösch sprach mit dem Hamburger, der im nächsten Jahr als EU-Parlamentarier für „Die Partei“ kandidieren möchte.

Sie sind dafür bekannt, auch kritische politische Bemerkungen zu machen und das eine oder andere „Parteibashing“ zu betreiben. Neben viel Zustimmung ernten Sie dafür in den sozialen Medien auch ab und an Anfeindungen. Als Sie kürzlich in der ZDF ‚Heute-Show’ die Politiker des AFD-Parteitag in Thüringen mit Nazis gleichsetzten, hieß es in einem Kommentar beispielsweise „Ich bin von diesem linksgrün versifften Volksschädling Semsrott einfach nur noch angeekelt und angewidert“...

Für einen Rechtsextremen müssen meine Meinungen logischerweise wie die eines Linksextremen vorkomme. Es gibt vielleicht 10 bis 15 Prozent Rechtsradikale, die aber in den Medien so viel Beachtung bekommen, als wären es 50 Prozent. Es ist letztlich nur eine Minderheit, die aber sehr laut schreit. Ich bin ein ganz normaler Demokrat und nutze die Meinungsfreiheit, um auf diesen Misstand aufmerksam zu machen. Ich denke, dass man Rechtsextremen keine Bühne bereiten darf.

Wie gehen Sie mit beleidigenden Anwürfen um? Versuchen Sie, mit Kommentatoren ins Gespräch zu kommen oder ignorieren Sie Feedback dieser Art?

Mit einem überzeugten Rechtsextremisten kann ich natürlich keine Gesprächsgrundlage finden. Ich habe aber ein paarmal mal in Chats versucht, solche Äußerungen zu hinterfragen. Bei einem User kamen wir in eine Sackgasse, als es darum ging, ab wann man denn beginnt „Deutsch“ zu sein. Bei einem anderen, eigentlich ganz sympathischen User kam heraus, dass wir einfach verschiedene Auffassungen hatten. Er ging davon aus, dass in den nächsten Jahren 100 Millionen Afrikaner zu uns nach Europa kommen werden. Ich gehe von fünf Millionen aus und glaube, dass Europa das bewerkstelligen kann. Wir sind dann im friedlichen Sinne „auseinandergegangen“.

Sie sind als depressiver Bühnencharakter bekannt, der mit über den Kopf gezogener Kapuze den „Demotivationstrainer“ gibt. Wie ist diese Figur entstanden?

Da steckt eigentlich viel Biographisches dahinter, also gar kein großartiges Kalkül. Ich trat bei einem Poetry Slam in Hamburg auf vor etwa zehn Jahren, den Kapuzenpulli eng über den Kopf gezogen und wollte meinen Text so schnell wie möglich über die Bühne bringen. Dann habe ich mir gesagt, ich mach das jetzt solange, bis ich damit irgendwann erfolgreich bin. Wenn man so will, bin ich da so hineingescheitert. Im Nachhinein hat das alles Sinn gemacht.

Sie litten aber tatsächlich an Depressionen . . .

Ich habe etwa 100 Therapiestunden gehabt, bis mir mein Therapeut irgendwann sagte, ich könnte ja mich ja noch mal melden, wenn ich noch wieder Sitzungen benötige. Mittlerweile glaube ich aber, dass ich und das Publikum eine Art Gruppentherapie absolvieren.

In Ihren Kabarettprogrammen verwenden Sie zwischendurch Powerpointpräsentationen mit Grafiken und Schaubildern und dem einen oder anderen Foto wie dem vom „süßen Kaninchen“. Wie kam es zu dieser Idee, mit der Sie eine Art Alleinstellungsmerkmal geschaffen haben?

Eigentlich hab ich mir gedacht: Wie sollen die Leute sich 90 Minuten lang meine Depressionen anhören, das kann sich kein Mensch antun. Ich habe dann gemerkt, dass es an den meisten Auftrittsorten einen Beamer gibt und dachte mir, dass ich mit ein paar bunten Grafiken Abwechslung reinbringen kann. Stand-Up-Passagen ohne optisches Beiwerk und graphische Darstellungen wechseln sich ab.

Also steckt kein intellektueller Habitus dahinter?

Nein gar nicht, ich hab ja nur ein paar Wochen studiert. Ich bin nur jemand, der Nachrichten guckt und auch reflektiert, das ist alles. Obwohl gerade bei einer Vorstellung in Rostock jemand hinterher sagte, so eine interessante Soziologievorlesung hätte er nie bekommen.

Neben viel Zustimmung ernten Sie dafür in den sozialen Medien auch ab und an Anfeindungen.

Einem Rechtsextremen müssen meine Meinungen logischerweise wie die eines Linksextremen vorkommen. Es gibt vielleicht 10 bis 15 Prozent Rechtsradikale, die aber in den Medien so viel Beachtung bekommen, als wären es 50 Prozent. Es ist letztlich nur eine Minderheit, die aber sehr laut schreit. Ich bin ein ganz normaler Demokrat und nutze die Meinungsfreiheit, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Ich denke, dass man Rechtsextremen keine Bühne bereiten darf.

Wie gehen Sie mit beleidigenden Anwürfen um? Versuchen Sie, mit Kommentatoren ins Gespräch zu kommen oder ignorieren Sie Feedback dieser Art?

Mit einem überzeugten Rechtsextremisten kann ich natürlich keine Gesprächsgrundlage finden.Ich habe aber ein paarmal mal in Chats versucht, solche Äußerungen zu hinterfragen. Bei einem User kamen wir in eine Sackgasse, als es darum ging, ab wann man denn beginnt „Deutsch“ zu sein. Bei einem anderen, eigentlich ganz sympathischen User kam heraus, dass wir einfach verschiedene Auffassungen hatten. Er ging davon aus, dass in den nächsten Jahren 100 Millionen Afrikaner zu uns nach Europa kommen werden. Ich gehe von fünf Millionen aus und glaube, dass Europa das bewerkstelligen kann. Wir sind dann im friedlichen Sinne „auseinandergegangen“.

Den Titel Ihres Programms „Freude ist nur ein Mangel an Information“ haben Sie seit vielen Jahren beibehalten. Der Titel wird nur halbjährlich um einen 0,5-Kodex ‚angehoben’ Hatten Sie keine Lust, sich einen neuen Titel auszudenken?

Ich fand, es kann einfach keinen besseren Titel geben für das, was ich mache. Außerdem hatte ich tatsächlich einen Horror, mir irgendwann ein komplett neues Programm ausdenken zu müssen. Daher tausche ich immer mal fünf Minuten aus und aktualisiere etwas. Nach etwa zwei Jahren hat sich das Programm einmal komplett ausgetauscht.

Sie haben sich immer geweigert, bei Betriebsfeiern aufzutreten. Einmal gab es aber doch eine Ausnahme...

Ja das war genau genommen eine Varietéshow, bei der ausschließlich Mitglieder eines Unternehmens ihre Betriebsfeier hatten. Später hat mir ein Mitarbeiter gesagt, meine „Depressionsshow“ hätte ganz gut die Stimmung in dem Betrieb widergespiegelt. Später habe ich aber erfahren, dass es dort bereits einige Kündigungen gegeben hatte.

Ihr Programm lässt sich grob in die drei Komplexe Privates, Politik und Philosophie aufteilen. Hatten Sie auch mal Bedenken, dass Sie das Publikum damit überfordern könnten und das Programm weniger komplex gestalten könnten?

Nein, man kann diese Bereiche, wenn man es genau betrachtet, sowieso nicht voneinander trennen. Es gibt die absurdesten Verknüpfungen von menschlichen Trieben und intellektuellen Höchstleistungen – warum sollte das dann in meinem Programm trennen?

Haben Sie keine Sorge, durch die Spirale von Erfolgvielleicht irgendwann nachlassendem Erfolg wieder in eine Depression zu schlittern?

Da muss man natürlich aufpassen, es lastet ja auch eine wahnsinnige Erwartungshaltung auf einem. Im nächsten Jahr ist dann ohnehin eine Tourpause angesagt.

Sicherlich auch, weil Sie beabsichtigen, mit der Partei der Satirezeitung Titanic „Die Partei“ ins EU-Parlament einzuziehen. Was haben Sie vor?

Wie der Wahlkampf genau aussehen wird, ist noch nicht komplett geplant. Auf jeden Fall wird Martin Sonneborn die Leitung des EU-Parlaments übernehmen und ich werde Kommissionspräsident. Das haben wir in einem demokratischen Verfahren nach dem Prinzip „Schere Stein-Papier“ ausgelost. Wir wollen auf jeden Fall die Demokratie in Europa einführen und den Austritt von Österreich und Ungarn aus der EU einleiten.

Und Sie schreiben dann auch für die Titanic?

Wir teilen das generationengemäß auf. Martin Sonneborn bleibt beim Print und ich habe mir vorgenommen, jeden Monat einen Film für Youtube aus Brüssel und Straßburg zu produzieren, also 60 Filme insgesamt. In der Heute-Show wird man mich in dieser Zeit nicht sehen, weil man nicht parallel in Unterhaltungsendungen auftreten darf.

Reagiert das Publikum an bestimmten Stellen vorhersehbar?

Eben nicht, das macht es ja gerade spannend. Man kann fünf Tage hintereinander am selben Ort sein und das Publikum, das sich einen Tag vorher weggeschmissen hat an einer bestimmten Stelle, ist an der selben Stelle tags darauf plötzlich ganz ruhig. Das Publikum setzt sich eben immer anders zusammen.

Apropos Heute Show: Werden Ihnen die Themen für Ihre Kurzaufritte vorgeschlagen oder haben Sie weitestgehend freie Hand?

Da bin ich eigentlich ziemlich autark. Am Montag besprechen wir die Themen der Woche. Dann gibt es einen regen Austausch per Mail und dann steht die Nummer irgendwann. Die Auftritt sind immer live in Köln vor Publikum.

Stimmt es, dass Sie bereits als Schüler an einer unerwünschten Schülerzeitung mitwirkten, die am Ende aus einem Dixiklo heraus verkauft werden musste?

So ähnlich war es. Es gab eine Zeitung namens „Sophies Welt“ an meinem katholischen Privatgymnasium, auf die ein Beratungslehrer nach unserer Meinung aber zuviel Einfluss nehmen wollte. Daraufhin haben wir eine Art Gegenentwurf namens „Sophies Unterwelt“ herausgebracht. Die Zeitung durfte dann nicht mehr offiziell auf dem Schulgelände verkauft werden. Die letzte Ausgabe haben wir tatsächlich aus einem Dixiklo heraus verkauft.

Alexander Bösch

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