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Kultur im Norden Nicole Kidman möchte mutig und kühn sein
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17:02 12.03.2019
Nicole Kidman möchte offen, mutig und kühn sein. Ab Donnerstag im Kinofilm „Destroyer“. Quelle: AP
London

Wir treffen die 51-jährige Australierin im Londoner Soho Hotel: Der Hollywoodstar trägt einen schwarzen Herrenanzug, dazu flache Budapester und erzählt von Glamour, Gleichberechtigung, Gören und Glück.

Ms Kidman, in „Destroyer“ strapazieren Sie sich wieder mal mit einer emotional herausfordernden Figur. Was reizt Sie an drastischen, riskanten Projekten wie „Destroyer“?

Ich möchte emotional neue Ebenen in mir entdecken. Bei diesem Projekt war mir auch wichtig, die Regisseurin Karyn Kusama zu unterstützen. Normalerweise würde ein Mann für so einen Charakter besetzt werden. Dass jetzt mal diese Frau den klassischen Anti-Helden gibt, finde ich großartig. Auch hinter den Kulissen sind Frauen die Seele des Films - die Crew bestand hauptsächlich aus Frauen.

Sie unterstützen also mit ganzer Kraft die Frauen Ihrer Branche?

Ja - wir müssen Schritte unternehmen, um die Statistik zu ändern! Durch die Serie „Big Little Lies“ hat sich auch noch mal viel geändert: Die zweite Staffel wird von einer Frau gedreht und ich bin mir sicher, dass es der Serie gut tun wird. Aber so sehr ich mich diesem Thema verschrieben habe, so sehr genieße ich aber auch die Zusammenarbeit mit den vielen großartigen männlichen Regisseuren, mit denen ich Filme drehen durfte.

Hat Ihr Engagement auch etwas mit Alter und Reife zu tun, wollen Sie etwas erreichen und hinterlassen?

Ich bin an einem Lebensabschnitt angelangt, in dem ich sehr offen, mutig und kühn sein möchte, mich an Dingen ausprobieren möchte und Filmemacher unterstützen möchte, an die ich glaube. Ich stehe also eher an einem Punkt, an dem ich so tue, als wäre ich 21 und meine Karriere würde gerade erst beginnen.

Haben Sie je die Erfahrung gemacht, dass Sie schlechter bezahlt wurden als männliche Kollegen?

Mein Herz hat immer für die Kunst geschlagen, nie für das Geld. In manchen Filmen hätte ich sogar ganz ohne Bezahlung mitgespielt, weil sie mir so viel bedeutet haben. Die Diskussion um die angemessene Gage ist deshalb so schwer zu führen, weil viele künstlerische Aspekte einfließen, die anders gewichtet werden müssen. Trotzdem bin ich natürlich für faire Bezahlung!

Sie spielen jetzt eine Polizistin, die sich dem Trauma ihrer Vergangenheit stellt. Wie schwer war die Vorbereitung?

Ich wurde von Soldaten im Umgang mit Waffen trainiert und habe mich auf die Stunts vorbereitet. Ich kann jetzt tatsächlich mit jeder Pistole umgehen, die in dem Film zu sehen ist. Ich musste mich erst an das Gefühl gewöhnen, immer eine Waffe in der Nähe zu haben. Dieses Training war also unglaublich wichtig: Denn Erin, meine Figur, weiß, dass diese Waffen Menschenleben beenden können und muss als Polizistin damit souverän umgehen können.

Sie sehen als Polizistin so kaputt und fertig aus, dass man Sie kaum erkennt...

Wenn man mich in meinen Filmen mit Falten und dunklen Augenringen im Gesicht sieht, dann finde ich das großartig, denn es unterstreicht nur die emotionale Tiefe einer Rolle. Es ist spannend und wunderbar, die Welt in der Haut von unterschiedlichen Menschen wahrzunehmen. So lernt man auch ganz andere Emotionen kennen. Kaum jemand kann so eine Erfahrung machen - viele Menschen verstehen diesen Reiz auch nicht. Aber ich fühle mich so noch viel mehr mit der Welt verbunden.

Was hilft Ihnen, um so extreme Figuren zu spielen?

Ich fühle mich in meinem Privatleben sicher und aufgehoben und habe einen tollen Mann. Auf diese sichere, liebevolle Grundlage kann ich meine Karriere bauen.

Wenn Sie drehen, steckt Ihre Familie dann zurück?

Nein, sie kommen meist mit. Wir stehen uns sehr nahe und sind nie lange von einander getrennt. Wir überlegen uns zusammen, was wir schaffen können und was nicht. Wir sprechen offen darüber, wenn etwas zu viel wird. Das bedeutet, dass wir einige Projekte auch ablehnen müssen. Wir wissen, dass wir am glücklichsten sind, wenn wir alle zusammen sind.

Und wenn Sie unterwegs sind, rauchen die Mobiltelefone?

Entweder wir telefonieren oder wir führen Video-Telefonate, um uns auch sehen können. Das ist manchmal etwas kompliziert, aber eben auch viel intimer als z.B. SMS. Keith die einzige Person, mir der ich diese Regel habe, keine SMS zu schreiben. Das macht unsere Kommunikation zu etwas Besonderem. Unsere Kinder haben noch nicht mal Telefone oder anderen technischen Kram. Wenn ich mit ihnen reden will, muss ich auch ihn anrufen. Während ich jetzt Interviews gebe, sind die Mädchen mit ihrem Vater im Tourbus unterwegs.

Würden Sie sich selbst als Kämpferin bezeichnen?

Ja. Ich hatte immer einen sehr starken moralischen Kompass, nach dem ich mich gerichtet habe. Meine innere Stimme hat mich stets geleitet. Ich bin von Natur aus sehr neugierig und wollte immer wissen, was hinter verschlossenen Türen entschieden wird.

Würden Sie sich als eitel bezeichnen?

Kaum. Das geht sogar so weit, dass meine Mutter immer predigt, dass ich etwas mehr Make-Up auflegen soll. Privat schminke ich mich kaum. Wenn ich ausgehe, dann liebe ich es, mir etwas Hübsches anzuziehen und einen schönen Lippenstift aufzulegen. Das hat mit einem gewissen Selbstwertgefühl zu tun. Man muss sich selbst zeigen, dass man es sich wert ist.

War oder ist es ein Problem für Sie, nun die „5“ vor Ihrem Alter zu sehen?

Nun, die Zeit schreitet unerbittlich fort. Dass sich im Alter mein Aussehen ändern wird, ist mir klar - aber nicht so wichtig. Ich hoffe, dass ich auf jeden Fall meine Vitalität behalte!

Hat sich Ihr Bezug zur Schönheit geändert?

Als kleines Mädchen habe ich schon sehr mit mir gekämpft. In der Schule wurde ich „Bohnenstange“ genannt. Es gibt nun mal viele Emotionen, die beim Erwachsenwerden eine Rolle spielen – dazu gehört auch Ablehnung. Meine Mutter hat immer gesagt: „Das formt den Charakter!“

Seit Sie mit Keith Urban verheiratet sind, leben Sie in dessen Wahlheimat Nashville. Können Sie dort mit Ihrem Auftauchen noch Verkehrsstaus und Menschenaufläufe verursachen?

Es kommt drauf an, wie Du’s selbst angehst. Wenn wir mit zig Bodyguards erscheinen, die alle „Aus dem Weg!“ brüllen, kann man schon für Aufruhr sorgen. Aber mein Privatleben mag ich eher unaufgeregt, solide, friedlich. Das ist auch der Grund, warum ich so gern in Nashville lebe: Ich fühle mich dort sehr beschützt.

Ist es schwer, abends von einer Fürstin, Kriegsreporterin oder einer Polizistin wieder zu Mami zu werden?

Um ehrlich zu sein, ist das sogar ein Segen. Es gibt mir Halt und Ausgleich, wenn ich ihnen nach dem Dreh zum hundertsten Mal ihr Lieblingsbuch vorlese. Als ich jünger war, hätte ich sicher nicht so leicht ab- und umschalten können. Heute bin ich darin versierter und kann ganz rasch in mein normales Leben zurückkehren.

Bekommen Sie gleichbleibend viele Angebote?

Ich hatte noch nie so viel zu tun wie heute. Das kommt auch daher, dass ich Filme drehe, die extra fürs TV gedacht sind. Ich bin dankbar, dass ich so viele Optionen habe. Wir brauchen Geschichten. Die Welt verändert sich und wir müssen uns mit ihr verändern.

Gehen Sie selbst noch gern ins Kino?

Ich liebe es, mit anderen Leuten im Kino zu sitzen. Ich fahre lieber durch die Stadt in ein kleines Programmkino als mir einen Film zuhause anzusehen. Das gehört für mich zu der Kunstform Film, mit anderen in einem Saal zu sitzen! Das macht jeden Film lebendiger - wenn andere lachen, wird eine Stelle eben noch lustiger. Ich liebe es heute noch, in diesem dunklen Raum zu sitzen und mich davontragen zu lassen. Dem bin ich einfach mit Haut und Haaren verschrieben. Selbst jetzt habe ich noch so viel Leidenschaft für Kino, dass ich dafür gerne meine Komfortzone verlasse und meine eigenen Grenzen überschreite.

Mariam Schaghaghi

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