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Niederstreckers Identitätskrise

Lübeck Niederstreckers Identitätskrise

Umjubelte Premiere im Großen Haus für das Musical „Die Marzipanpiraten“ von Heiko Woltersdorf.

Zuckerbäcker Antonio (Guillermo Valdés) und seine Geliebte Lisa (Katharina Kühn) inmitten der überdimensionalen Marzipanpiraten.

Quelle: Lutz Roeßler

Lübeck. Auch Piraten haben es nicht immer leicht. Irgendwann verlieren zumindest manche von ihnen die Lust am ewigen Sengen und Brennen, Rauben und Morden.

LN-Bild

Umjubelte Premiere im Großen Haus für das Musical „Die Marzipanpiraten“ von Heiko Woltersdorf.

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Die Besetzung

Musikalische Leitung:.................................Jan-Michael Krüger

Inszenierung:..................................................Jennifer Toelstede

Bühne:.................................................................Stefan Heinrichs

Kostüme:......................................................Constanze Schuster

Niederstrecker:........................................................Peter Grünig

Hedwig Holstein:.........................................................Imke Looft

Antonio:.............................................................Guillermo Valdés

Lisa: .......................................................................Katharina Kühn

Butt:......................................................................Matthias Unruh

Wik:........................................................................Dominik Müller

Willit:........................................................................André Janssen

Bäckermeister Mehlich:................................Grzegorz Sobczak

Zumindest Kapitän Niederstrecker ergeht es so. Während der Belagerung einer reichen Handelsstadt, in der unschwer Lübeck zu erkennen ist, zweifelt er an seinem eigenen Tun. Dann beschwört süßes Marzipan Kindheitserinnerungen herauf, eine Frau ist auch noch im Spiel, und am Ende wechselt Niederstrecker die Profession und wird Marzipan- Händler. Bis es soweit kommt, vergehen gut zwei unterhaltsame Stunden im Großen Haus des Theaters Lübeck.

„Die Marzipanpiraten“ von Heiko Woltersdorf, der gemeinsam mit Nicole Felden auch das Libretto geschrieben hat, die Liedtexte stammen von Wolfram Eicke, ist buntes und vor allem kurzweiliges Musical für die ganze Familie. Das wird deutlich, weil immer wieder die historische Geschichte aus dem 15. Jahrhundert gebrochen wird, mit modernen Requisiten zum Beispiel (Bühne: Stefan Heinrichs). Nicht alle Anspielungen sind für Kinder verständlich, müssen sie aber auch nicht sein. Denn es ist so derart viel los auf der Bühne, dass gerade die jüngsten Zuschauer aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Regisseurin Jennifer Toelstede bewegt 34 Mitwirkende auf der Bühne des Großen Hauses. Gestandene Schauspieler, Anfänger, Sängerinnen und Sänger, Hiphopper und vor allem viele Kinder. Gerade die sind es, die den meisten Spaß machen in dieser Produktion. Denn sie sind mit einem Enthusiasmus und einem Elan bei der Sache, der einfach umwerfend ist. Durchchoreografiert ist diese Produktion, immer dicht an der Musik von Heiko Woltersdorf. Die orientiert sich an klassischen Musical-Sequenzen, bietet aber auch eingängige Melodien. Das Piratenlied von „37 bleichen Gerippen“ etwa hat das Zeug dazu, ein veritabler Ohrwurm zu werden.

Insgesamt ist diese bewegte Inszenierung ausgesprochen gut anzusehen. Viele Videos und andere Projektionen bieten gestalterische Möglichkeiten, die komplett ausgereizt werden. Die Kostüme von Constanze Schuster sind stimmig – nur die überdimensionalen Piraten aus Marzipan sind etwas daneben gegangen und sehen eher aus wie außerirdische Riesen-Ratten. Aber auch das schmälert den guten Gesamteindruck nur wenig. Und für den sind vor allem die Mitwirkenden verantwortlich.

Imke Looft ist eine hinreißende Hedwig Holstein, genannt Holzbein. Man kennt ihr komödiantisches und sängerisches Talent, in den „Marzipanpiraten“ zeigt sie außerdem auch noch, dass sie tanzen kann.

Mit dem Oper-Piraten Niederstrecker am liebsten, den Peter Grünig changierend zwischen Grimmigkeit und Selbstzweifel gibt. Dass er dauernd seinen Degen verliert, kann die Kostümbildnerin noch korrigieren. Guillermo Valdés agiert als Zuckerbäcker Antonio ganz formidabel, Matthias Unruh als wirklich böser Pirat Butt ebenso. Den Bösewicht gibt er so überzeugend, dass die Kinder im Publikum jubeln, als er sich aus Versehen selbst in die Luft sprengt. Für den erkrankten Dietrich Neumann sprang in der Premiere kurzfristig Ben Hecker ein und spielte den Hauptmann der Wache so überzeichnet, dass man ihn eher für den diensthabenden Nachtwächter hielt. Katharina Kühn als Antonios Geliebte Lisa wusste ebenfalls zu gefallen.

Die Musik von Heiko Woltersdorf machten die Philharmoniker unter Jan-Michael Krüger lebendig. Zupackend und intensiv klang es aus dem Graben – das passte. Wie der Jubel am Schluss.

Nächste Vorstellungen: heute um 18 Uhr, morgen um 15 und 18 Uhr. Wiederaufnahme in der nächsten Saison.

 Jürgen Feldhoff

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