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Noch nicht angekommen, aber schon da

Kiel Noch nicht angekommen, aber schon da

Ein Stück über die Flucht aus Afrika: Henning Mankells „Butterfly Blues“ in Kiel.

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Jennifer Böhm (l.) und Agnes Richter als Ana und Sara.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. „Wie geht es euch? Hier geht es gleich weiter. Ich hole euch bald nach.“ In Endlosschleife wiederholt Marius Borghoff die Sätze am Handy, gehetzt, erwartungsvoll, ein monotones Mantra aus dem Zwischenreich der Flüchtlinge. Stillstand steckt da drin, ebenso wie die Hoffnung auf das Weiter. Dazwischen hängen Ana und Sara, wie sie in Henning Mankells Stück „Butterfly Blues“ heißen, zwei Afrikanerinnen auf dem Weg nach Europa, Stellvertreterinnen für den Strom derjenigen, die über Land und Meer ziehen auf den gelobten Kontinent.

Kristin Trosits hat das 2003 im Auftrag der Kulturhauptstadt Graz zusammen mit Mankells Teatro Avenido in Maputo entstandene Stück im Kieler Schauspielhaus auf die Bühne gebracht. Eine lockere Szenenfolge durch alle Stationen der Flucht, die schon vor zwölf Jahren die Aspekte des Themas sichtbar machte. Die Regisseurin und Dramaturg Jens Raschke haben sie geschickt verknappt und behutsam in die „Refugees Welcome“- Wirklichkeit gebracht.

Vier Schauspieler kriechen, klettern, balancieren, schieben sich über die Bühne, die Ausstatterin Marie Rosenbusch ins Studio gebaut hat. Ein düster-metallisches Käfig-Zaun-Gerüst, ein Podest, auf dem sich Kisten mit Handelswaren stapeln: Tee, Käse, Muscheln, Handys. Ein Sortiment, das die Flüchtlinge eben um die Kategorie des Menschenhandels erweitern.

Hier tigern die Leute herum wie Zootiere; und in der Unterwelt darunter gehen sie auf Tauchstation, unsichtbar in einem Paralleluniversum aus Verliesen und Verstecken, Fallen und Fluchträumen. Dazu rauscht und raunt es, brummt und fiept (Musik: Eike Ebbel Groenewold), unverständlich flirrende Nachrichten aus einer Wirklichkeit, zu der es keinen Zugang gibt.

Rudi Hindenburg und Marius Borghoff wechseln durch die Rollen vom freundlich berlinernden Lkw-Fahrer über den wachsamen Käsehändler bis zum jovialen Gangsta-Frauenhändler. Jennifer Böhm und Agnes Richter sind Ana und Sara. Die erste zäh und der Zukunft zugewandt, die andere ängstlich in Erinnerung versponnen. Zwei Flüchtlingsklischees; mehr Individualität ist nicht.

Nicht immer entgehen die Schauspieler der Versuchung, die angedeuteten Rollen spielerisch auch auszufüllen, die Klischees zu Menschen zu machen; aber insgesamt tut Trosits, bisher Regie-Assistentin am Kieler Schauspiel, in ihrer ersten eigenen Inszenierung gut daran, auf sachliche Distanz zu gehen zu Mankells manchmal poetisch-pathetischem Text und die Fragen und Widersprüche von außen aufzudröseln.

Da erkennt man die Absurdität, wenn die Beamten im Auffanglager die Ankömmlinge so routiniert genervt nach dem Pass fragen, als seien die gerade auf Urlaubsreise. Man fühlt die Beklemmung, wenn die Frauen vortanzen sollen — angeblich für „eine spektakuläre Show in Barcelona“. Und der Salzstreuer-Mann aus Mankells eingebauter Parabel, der sich ins Detail verbeißt und darüber den Überblick verliert, wirkt fatal nah.

„Ich bin hier, auch wenn du mich nicht sehen kannst“, sagt Ana zu ihm. Und man sieht sie anecken und sich durchwursteln, immer in Bewegung oder auf dem Sprung. Noch nicht angekommen, aber erstmal da.

Schweden und Mosambik
Henning Mankell (1948-2015) war einer der populärsten schwedischen Autoren. Bekannt wurde er mit seinen Krimis um Kommissar Kurt Wallander. Zwei Kieler „Tatort“-Folgen wurden nach seinen Büchern gedreht. Sein politisches Engagement galt Afrika, er hatte einen Wohnsitz in Mosambik.
Weitere Vorstellungen: Mi. 27. Januar, 20.30 Uhr, Sa. 30. Januar, 20.30 Uhr, Studio im Schauspielhaus Kiel.

Ruth Bender

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