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Kultur im Norden Ein Kopenhagener Sternenprojektor „Made in Lübeck“
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23:52 29.10.2018
Von Lübeck nach Kopenhagen – und wieder zurück nach Lübeck: Kurator Ralph Heinsohn (l.) und Carsten Andersen freuen sich über ihrer historische Begegnung und den Sternenprojektor. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Man weiß nicht, ob es Zufall war oder tatsächlich in den Sternen stand, dass diese zwei Männer aufeinander trafen und auf ganz besondere Weise miteinander verbunden sind. Es war im September 2017 und es war im schwedischen Örtchen Lund, wo eine Tagung zu den Planetarien der Nordischen Länder stattfand, zu der Filmtage-Kurator Ralph Heinsohn fuhr, um für das Festival zu trommeln.

Er war es, der vor einigen Jahren den Fulldome der Nordischen Filmtage ins Leben rief und allein schon deswegen reiste er in diese idyllische Universitätsstadt, um sich mit anderen 360-Grad-Guckern über dieses besondere Erlebnis auszutauschen.

Absolutes Präzisionswerk

Und da stand er nun und stellte die Nordischen Filmtage vor, sprach über die Projekte und den Fulldome, als ihn plötzlich ein Mann ansprach. „Sie sind aus Lübeck?“, wollte der freundliche Däne wissen – und als Heinsohn dieses bejahte, sagte der Unbekannte: „Mein Sternenprojektor auch. Er wurde 1937 dort gebaut.“

Heinsohn ist historisch versiert und wusste, dass es in den späten 30er Jahren eigentlich nur einen Hersteller von Projektoren gab – und das war die Firma Zeiss mit Sitz in Jena. Er wusste auch, dass ein Projektor zu der Zeit eine technische Vollendung und ein absolutes Präzisionswerk war.

Wie also konnte ein Däne jetzt vor ihm stehen und von einem Lübecker Sternenprojektor aus dem Jahr 1937 schwärmen? Wieso steht dieser Projektor heute in einer Kopenhagener Schule und ermöglicht rund 5000 Schülern im Jahr den Blick in die Sterne? Und warum erfährt man das ganz nebenbei auf einer Tagung in Schweden, ziemlich genau 80 Jahre danach? Kann das wirklich Zufall sein?

Das Original steht in der Lübecker Sternenkammer

Also ließ Heinsohn sich von dem Mann aufklären und staunte nicht schlecht: Die heutige Grund- und Gemeinschaftsschule St. Jürgen im Mönkhofer Weg war damals über die Landesgrenzen bekannt für ihre pädagogischen Konzepte wie auch für ihre einzigartige Sternenkammer. Regelmäßig bekam die Schule daher Besuch aus dem Ausland von anderen interessierten Pädagogen, darunter auch eine Lehrergruppe aus Dänemark, die den Projektor Ende der 30er Jahre bei einer Führung entdeckte – und unbedingt auch eine Sternenkammer an ihrer Schule in Kopenhagen wollte. Samt Projektor.

„Woher aber nehmen“, erzählte der Däne weiter. „So ein Projektor hat damals bei Zeiss 500 000 Reichsmark gekostet und das war sehr viel.“ Der Name des Dänen ist Skovgaard Andersen und er ist Mathe- und Physiklehrer an der Bellahöj-Schule in Kopenhagen, wo der Lübecker Projektor heute steht.

Der damalige Direktor der Klosterhof-Schule verriet den Gästen, dass sein Projektor aus anderer Hand stamme und vermittelte die Dänen weiter an die Macher: An die Elektro-Werkstatt E. Nachtigall, ansässig in der Schmiedestraße 9, wo heute das Hotel Atlantic steht.

Also machten sich die Dänen auf in die Innenstadt – und der Kopenhagener Sternenprojektor „Made in Lübeck“ war geboren.

Der Projektor von 1937 ist mit einem Schild der Lübecker Macher versehen. Quelle: Lutz Roeßler

„Er ist bis heute im Einsatz und funktioniert einwandfrei“, schwärmt Andersen, der seit gut zwanzig Jahren die Kopenhagener „Stjernekammeret“ leitet. „Das ist so faszinierend, dass sich diese Firma an den Bau dieses Gerätes gewagt hat und das so großartig gelungen ist“, sagt Heinsohn, den die Geschichte so begeisterte, dass er anfing zu recherchieren. Er steckt noch mitten in seinen Arbeiten, denn das Suchen in der Geschichte ist ohne Zeitzeugen nicht so einfach.

Zeitzeugen gesucht

Fest steht aber, dass der Projektor von drei Lübeckern gebaut wurde, die über das Gerät und seine Bauweise sogar ein Patent beim damaligen Patentamt in München erworben hatten. Fest steht auch, dass es sich dabei um Ernst Nachtigall, den damaligen Inhaber des Geschäfts, sowie zwei Konstrukteure namens Sebald Schwarz und Dr. Hans Cassebaum handelt, die das Gerät in feinster Präzision entworfen und gebaut haben.

Sternegucken am Klingenberg

Sternenprojektoren sind der Ursprung des 360°-Kinos: Ein solcher Projektor aus Lübecker Produktion und mit derart früher Datierung ist in der Fachwelt bislang unbekannt. Bekannt ist eigentlich nur das Werk aus dem Hause Zeiss.

Zweimal am Tag erklärt Carsten Andersen, Leiter der Kopenhagener Sternenkammer, die „Lichter über Lübeck“ und die Besonderheiten der Erdrotation mithilfe des historischen Geräts im Fulldome am Klingenberg vorgeführt: Für Besucher ab sechs Jahren von Dienstag bis Freitag, jeweils um 10 Uhr, sowie Sonnabend und Sonntag um 11 Uhr). Für die Erwachsenen gibt es jeden Abend um 19 Uhr eine Demonstration des Gerätes. Passend dazu bietet die Sternwarte Lübeck neben Vorträgen im Fulldome-Kino täglich von 10 bis 21 Uhr eine Beobachtungsstation für Interessierte, wo sie mit Teleskopen zur kostenlosen Sonnenbeobachtung und Erkundung des echten Sternenhimmels auf dem Klingenberg eingeladen sind.

Wer Kurator Ralph Heinsohn in Bezug auf seine historischen Recherchen zu dem Projektor weiterhelfen kann, kann sich gerne unter ralph.heinsohn@nordische-filmtage.de melden.

Warum diese technische Meisterleistung allerdings nicht an die Öffentlichkeit gelang und es nur bei diesem einen Projektor blieb, darüber kann Heinsohn im Moment nur spekulieren. Offenbar sollte es nicht an die Öffentlichkeit, denn auch in den Notizen des Dänischen Schuldirektos aus dem Jahr 1937 ist in einem Vermerk festgehalten, dass man „nicht darüber reden soll“, wo der Sternenprojektor herstamme und wer ihn gebaut habe.

Eine Erklärung für Heinsohn wäre, dass einer der Konstrukteure Jude war – dazu soll es Hinweise geben – und das zur Zeit der Zweiten Weltkrieges zu dem Schutz des Mannes nicht kommuniziert wurde. Aber belegt ist das nicht.

„Ich würde mich freuen, wenn sich Zeitzeugen bei mir melden, die bei Recherchen helfen können“, sagt Heinsohn, der unbedingt wissen möchte, warum diese „großartige Lübecker Erfindung“ so untergegangen ist.

„Der Projektor hatte in 80 Jahren nicht einen einzigen Ausfall“, schwärmt Andersen. „Sein Kugellager ist so fein präzisiert, dass er die Rotation der Sterne zeigen kann. Und die Jahreszeiten“, sagt der 66-Jährige begeistert.

Dass der Hype um 360-Grad-Filme nun ausgerechnet auch in Lübeck seinen Ursprung findet, macht Heinsohn, umso stolzer, was den Fulldome auf dem Klingenberg betrifft. Und natürlich soll die Begegnung zwischen ihm und Andersen nicht nur bei der Begegnung bleiben: Eigens zu den Nordischen Filmtagen ist Andersen mit dem Kopenhagener Projektor im Gepäck nach Lübeck angereist – und wird ihn im Fulldome aufstellen, wo ihm ein eigenes Programm gewidmet ist.

Der Sternenprojektor „Made in Lübeck“ wird im Fulldome am Klingenberg seinen großen Auftritt haben. Quelle: Lutz Roeßler

Und wer möchte, kann sich dieses Stück Zeitgeschichte nicht nur aus der Nähe angucken, sondern damit auch nach den Sternen greifen. In Lübeck. Am Klingenberg. Wenige Meter von dem Ort entfernt, wo der Projektor vor über 80 Jahren geschaffen wurde.

Kann doch alles kein Zufall sein.

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Schabnam Tafazoli

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