Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden „Die Traumata des Krieges sind noch präsent“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden „Die Traumata des Krieges sind noch präsent“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:40 30.10.2018
Regisseurin Moonika Siimets vom Film "Die kleine Genossin". Quelle: Olaf Malzahn
Lübeck

Die Estin Moonika Siimets, Regisseurin des Eröffnungsfilms der 60. Nordischen Filmtage Lübeck, im Interview mit den Lübecker Nachrichten:

Moonika, wie haben Sie ihre unglaubliche Hauptdarstellerin gefunden?

Manchmal muss man dem Schicksal vertrauen. Noch vor dem Casting lernte ich ein Mädchen aus dem Kindergarten der Tochter einer Freundin kennen. Es war unglaublich: Sie sah genauso aus wie Leelo Tungal als Kind. Ich war begeistert, und nachdem wir mehr als 400 Mädchen gecastet hatten, haben wir uns für sie entschieden.

Haben Sie noch Erinnerungen an die Zeit der sowjetischen Besatzung in Estland bis 1990?

Sehr viele und sehr genau! Meine Kindheit war, denke ich, der Auslöser für diesen Film. Meine Familie war zweigeteilt in die Seite meines Vaters, echte Kommunisten, und die estnische Seite meiner Großmutter, deren Bruder auf deutscher Seite gekämpft hatte. Natürlich verstand ich die geschichtlichen Hintergründe als kleines Kind nicht, aber ich fühlte sehr wohl, dass eine tiefe Kluft die Familie trennte. Und natürlich wollte ich es allen recht machen. Meine Großmutter hatte zum Beispiel immer einen Weihnachtsbaum, heimlich, und ich durfte es niemandem verraten. Für die andere Großmutter gab es kein Weihnachten, keinen Jesus. Das verwirrt ein Kind natürlich, du kannst nicht Richtig und Falsch auseinanderhalten, und du möchtest, wie Leelo, ein „gutes Mädchen“ sein.

Mehr zum Thema

Lesen Sie hier noch mehr Berichte sowie Hintergrundgeschichten.

Ist die Erinnerung an die Besatzungszeit noch präsent in der jüngeren Generation Estlands?

Die Traumata des Krieges werden zwar von den Älteren nicht thematisiert, aber sie sind auf einer unbewussten Ebene als Erbe auch bei den Jüngeren noch präsent. Meine Großmutter hat einmal gesagt, wer einen Krieg erlebt hat, kann niemals mehr wirklich glücklich sein. Wir Kinder und Enkel aber stehen in der Verantwortung, dieses Drama zu überwinden.

Regine Ley

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!