Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 2 ° Sprühregen

Navigation:
Normale Jungs im Matrosenanzug

Ratzeburg Normale Jungs im Matrosenanzug

Disziplin und Können: Der Haydn-Chor der Wiener Sängerknaben in Ratzeburg.

Voriger Artikel
Aus Kitsch wird Kunst
Nächster Artikel
SCHÖNE WORTE

Jimmy Chiang mit seinen Wiener Sängerknaben.

Quelle: Marco Ehrhardt/nick

Ratzeburg. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bezeichnete die Wiener Sängerknaben einmal als „Fliegendes Klassenzimmer“: Vier Monate im Jahr sind die Mitglieder des berühmtesten Knabenchores der Welt unterwegs. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival nehmen sie das Publikum bei drei Konzerten auf eine musikalische Reise mit. Am Donnerstag Abend lud der Haydn-Chor zum Auftakt in den Ratzeburger Dom.

Dass die Sängerknaben mit ihren vier nach österreichischen Komponisten benannten Chören für eine Jahrhunderte alte Tradition stehen, ist schon an ihrer Kleidung ablesbar. In ihren Matrosenanzügen wirken sie so, als kämen sie aus einer vergangenen Welt. Dabei ist die Zeit auch an ihnen nicht spurlos vorbeigegangen. Die 24 Mitglieder des Haydn-Chores, neun bis 14 Jahre alt, kommen nicht nur aus Österreich, sondern auch aus Afghanistan, Japan, Kasachstan, Malaysia, Polen, Rumänien und den USA. Chorleiter Jimmy Chiang, der zum Teil vom Klavier aus dirigierte, stammt aus Hongkong.

„Haydn auf Reisen“ heißt ihr Programm, geistliche Musik bildet den ersten Teil, eine Zeitreise, die mit der Motette „Haec dies“ für vierstimmigen Doppelchor von Jacobus Gallus (1550-1591) beginnt.

Ernst und feierlich geht es weiter über Bach und Haydn bis hin zu einer Mozart-Kantate – eine Hommage an den streng katholisch gläubigen Joseph Haydn.

Im zweiten Teil, dem reisefreudigen Haydn gewidmet, wurde es dann weltlich. Frisch und unbekümmert begann die Reise in Österreich mit der Polka „Auf Ferienreisen“ von Josef Strauß. Weiter ging es nach England, Kroatien, Tschechien und Ungarn. Die jungen Sänger imponierten dabei nicht nur durch ihre stimmlichen Qualitäten, sondern auch dadurch, dass sie Stücke in etlichen Sprachen ohne Textbuch und Notenblatt vortrugen. So viel Können und so viel Disziplin – das könnte einem schon beinahe unheimlich werden.

Aber mit fortschreitender Stunde wurde immer mehr deutlich, dass die Wiener Sängerknaben auch ganz normale Jungen sind. Beim letzten Stück, dem Radetzky–Marsch von Johann Strauß I, trat einer der Sänger hervor, um das Publikum zu dirigieren: Klatschen, laut klatschen, nicht mehr klatschen, bedeutete er mit für jedermann verständlichen Gesten. Am Ende erhob der Junge anerkennend den Daumen.

Das Publikum wollte den Abend gern verlängern, konnte sich immerhin zwei Zugaben erklatschen. Dann ging es nach diesem ergreifenden und mitreißenden Konzert hinaus in die Nacht.

Liliane Jolitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden