Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
„Nur am Schreibtisch fühle ich mich gut“

Berlin „Nur am Schreibtisch fühle ich mich gut“

Juli Zeh, Thomas-Mann-Preisträgerin 2013, über den Großschriftsteller, politisches Engagement und Selbstzweifel.

Voriger Artikel
Ein Abschlusskonzert von eindrucksvoller Leuchtkraft
Nächster Artikel
Gänsehaut aus Dänemark

Juli Zeh (39) wird als „temperamentvolle und experimentierfreudige Erzählerin“ ausgezeichnet. Tim Jelonnek

Quelle: Fotos: Birgit Franz (hfr),

Berlin — Sie demonstrierte vorm Kanzleramt in Sachen NSA-Affäre, die Verfilmung ihres Romans „Spieltrieb“ kommt im Oktober ins Kino, und im Dezember zeichnen die Hansestadt Lübeck und die Bayerische Akademie der Schönen Künste sie mit dem Thomas-Mann- Preis aus: Im LN-Interview erklärt die Schriftstellerin Juli Zeh, weshalb sie trotz des Rummels um ihre Person an ihrer Kunst zweifelt.

00010q1n.jpg

Zu Gast in Lübeck: Juli Zeh 2007 mit Günter Grass und Bundespräsident Horst Köhler in der Ausstellung zu Grass‘ 80. Geburtstag.

Zur Bildergalerie

Lübecker Nachrichten: Was verbanden Sie mit Thomas Mann, ehe Sie von Ihrer Auszeichnung erfuhren?

Juli Zeh: Thomas Mann ist der Autor, der mich an die echte Literatur herangeführt hat. „Buddenbrooks“ war der erste Nicht-Jugend-Roman meines Lebens. Natürlich habe ich im Alter von 14 Jahren wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Geschichte verstanden. Aber es fühlte sich toll an, so ein wichtiges Buch zu lesen, und irgendwie ist damals schon der besondere Funken seiner Ironie auf mich übergesprungen.

LN: Mit welcher seiner großen Figuren können Sie sich am ehesten identifizieren?

Zeh: Mit keiner. Ich lese Thomas Mann völlig identifikationsfrei und trotzdem mit großem Genuss.

LN: Was ist das für ein Gefühl, mit diesem Patriarchen der deutschen Literatur in Verbindung gebracht zu werden? Hat diese Auszeichnung den Blick auf Ihr eigenes Werk verändert?

Zeh: Thomas Mann selbst zweifelte immer wieder an seinem Schreiben und hätte sich selbst nicht als den Großschriftsteller beschrieben, den wir in ihm sehen. Unsicherheit und Selbstzweifel gehören wahrscheinlich zum Schreiben dazu. Im Nicht-Einverstanden- Sein mit sich selbst wohnt die Kreativität. So sehr ich mich über den Preis freue — er wird nicht dazu führen, dass ich meine eigenen Bücher gut finde.

LN: Hätte sich Thomas Mann, würde er heute leben, mit Ihnen vors Bundeskanzleramt gestellt, um Aufklärung in Sachen NSA-Affäre zu fordern?

Zeh: Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie alt und wie berühmt er zu diesem Zeitpunkt schon gewesen wäre. Meiner Erfahrung nach haben die Großen ab einem bestimmten Punkt keine Lust mehr, sich mit der protestierenden Masse gemein zu machen. Es sind dann eher jüngere Leute, die sich zusammenschließen und versuchen, etwas zu bewegen. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass jemandem wie Thomas Mann die NSA-Affäre nicht gleichgültig gewesen wäre. Er hätte sich geschämt, dermaßen zum Objekt von fremden Beobachtern gemacht zu werden.

LN: Sie haben in dem Roman „Corpus Delicti“ eine düstere Zukunftsvision entworfen, eine Art Gesundheitsdiktatur. Kommt Ihnen die Realität im Zuge der Überwachungsaffäre auch manchmal wie eine Anti-Utopie vor?

Zeh: Es ist nicht immer schön, recht zu behalten. Wir nähern uns tatsächlich einem gesellschaftlichen Zustand, der in Dystopien beschrieben wurde. Zum Beispiel kann der Film „Minority Report“

bald als Lehrmaterial zur Erklärung der ethischen Probleme von Verhaltensprognosen dienen. Auch bei den aktuellen technischen Entwicklungen geht es maßgeblich darum, das Verhalten eines Menschen in absehbarer Zukunft algorithmisch zu berechnen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir mit der Frage konfrontiert werden, was aus einer Gesellschaft wird, in der das möglich ist. Leider wird uns das alles völlig unvorbereitet treffen, da die Politik weiterhin einen offenen und ehrlichen Diskurs verweigert.

LN: Was erwarten Sie sich von der neuen Bundesregierung in dieser Sache? Wird das Thema in nächster Zeit überhaupt eine bedeutende Rolle spielen?

Zeh: Von sich aus wird die Politik nichts tun. Das Problem wird nicht verstanden. Es gibt aber Menschen, die versuchen werden, das Thema lebendig zu halten und weiter Druck auszuüben. Zu denen zähle ich.

LN: Romane, Poetikvorlesung, Deutsche Erstaufführung Ihrer Revolte-Komödie „Yellow Line“ am Deutschen Theater Berlin, Kinostart des Films „Spieltrieb“ — Juli Zeh ist derzeit auf allen Kanälen zu erleben. Gibt es noch einen Bereich, den Sie gerne erobern würden? Oder ist das Leben auf der Überholspur auch so schon anstrengend genug?

Zeh: Das ist nicht die Überholspur, es ist einfach nur Zufall, dass da viele Dinge gerade zusammenkommen. Für mich ist das nicht so angenehm. Ich möchte zurück an den Schreibtisch. Nur da fühle ich mich wirklich wohl.

Vom Völkerrecht zum Deutsch-Leistungskurs
Juli Zeh wurde 1974 in Bonn geboren und lebt heute mit Mann und Kind in Barnewitz (Brandenburg). Sie studierte Jura mit Schwerpunkt Völkerrecht in Passau, Krakau, New York und Leipzig und promovierte in Saarbrücken. Parallel dazu studierte sie am Leipziger Literaturinstitut. Für ihren Debüt-Roman „Adler und Engel“ (2001) über einen Karrierejuristen, der zwischen Politik und Kriminalität zerrieben wird, bekam sie den Deutschen Bücherpreis und den Ernst-Toller-Preis. Die Verfilmung ihres Schülerromans „Spieltrieb“ (2004) kommt am 10. Oktober in die Kinos. Gemeinsam mit

Ilija Trojanow verfasste Zeh den viel beachteten Essay „Angriff auf die Freiheit — Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. In diesem Jahr hält sie die Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Ihre Antrittsvorlesung begann mit den Worten: „Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. Ich bin doch nicht mein eigener Deutsch- Leistungskurs. Ohne mich.“

Verleihung am 8. Dezember in München
Der Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste wird seit 2010 im jährlichen Wechsel in Lübeck und München vergeben. An Juli Zeh wird der mit 25 000 Euro dotierte Preis am 8. Dezember im Max-Joseph-Saal in der Münchener Residenz durch den Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, Bernd Saxe, und den Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Michael Krüger, verliehen. Die Laudatio hält der Schriftsteller Ilija Trojanow.

Der Preis ist hervorgegangen aus dem Lübecker Thomas-Mann-Preis und dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Bisherige Preisträger sind Christa Wolf (2010), Jan Assmann (2011) und Thomas Hürlimann (2012). Der Literaturpreis wird für das Lebenswerk eines Autors oder für herausragende Verdienste auf dem Gebiet der Literaturvermittlung vergeben. Die Entscheidung trifft eine siebenköpfige Jury, in die die Akademie und die Hansestadt jeweils drei Mitglieder entsenden. Vorsitzender ist der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering.

Interview: Nina May

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden