Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Ode an „das dampfende Elefantenherz von Lübeck“
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Ode an „das dampfende Elefantenherz von Lübeck“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:06 08.02.2016
Locker vom Hocker: Rocko Schamoni. Quelle: Kerstin Behrendt
Anzeige
Lübeck

Was soll man von einem Alleinunterhalter erwarten, der eigentlich Tobias Albrecht heißt und aus Lütjenburg kommt, sich aber Rocko Schamoni nennt und Hamburg zur Wahlheimat erkoren hat?

„Lütjenburg ist ja eine Klumpi-Stadt geworden“, witzelte Schamoni, der am Sonnabend live in den Lübecker Kammerspielen zu erleben war. „Überall Klumpis.“ Diese seien meist tropfenförmig, mittelgroß, trügen „unkomplizierte Kurzhaarfrisuren“ und dazu Jeanskleidung. „Geschlechtsneutral.“ Für Schamoni, der die Kleinstadt im Kreis Plön lange hinter sich gelassen hat, sind so geartete Bewohner unter anderem Beispiele für „Nahrungsdummheit“. Und es fallen ihm eine ganze Reihe weiterer Spielarten von Dummheit ein: „Zahlendummheit“ zum Beispiel oder „Sprachdummheit“, zu der er sich koketterweise selbst bekennt.

Schamoni muss über seine Witze lachen, immer wieder. Und auch im voll besetzten Saal gluckst es glücklich, die Lacher, wie es so schön heißt, sind auf seiner (Schamonis) Seite. So mancher im Publikum mag sich wiedererkennen in den oft pennälerhaften Scherzen des Entertainers.

Zum Beispiel, als er erfundene, dämliche Bewerbungsschreiben von Autoren bei Verlagen vorliest. Eigens ausgedacht, um originelle Ablehnungsschreiben zu provozieren. „E-Mail für Emil“ ist so ein Machwerk, das Schamoni genüsslich ein Stück weit entwickelt: Wie der arme, kleine Emil, von der Mutter verlassen, durch die verdreckte Sozialwohnung irrt und daran denkt, wie sie früher Weihnachten gefeiert haben... Oder „Immer Ärger mit Herr Berger“, eine turbulente, nichtssagende Geschichte um einen Familienhund.

Harmlose Späße sind das allesamt, die dem sympathisch mit Seitenscheitel und Brille sowie offenem, schwarzen Hemd daherkommenden Künstler niemand übelnimmt. Selbst wenn sie, wie im Fall der Schreiben an die Verlage, schon einige Jahre alt und bereits des öfteren vorgetragen sind.

Es ist diese jungenhafte Ausstrahlung, die alles so entspannt macht, dieses Gefühl, bei Rocko zu Hause im Wohnzimmer zu sitzen. Hauptsache, man verbringt gemeinsam eine gute Zeit miteinander.

So empfinden es wohl auch die meisten der Zuhörer, selbst als Schamoni anfängt, altbekannte Songs aus den 80-ern mit eigenen Texten zu singen. Begleitet wird er dabei von dem Hamburger Musiker Matthias Strzoda. Zwei Gitarren, zweimal gute Laune — obwohl die Lieder, wie Schamoni mehrfach betont, extra depressiv sein sollen. Mitsingen mag, trotz mehrfacher Aufforderung, dennoch keiner so richtig, auch nicht, als Schamoni und Strzoda anfeuernd ihre Handys schwenken. „Ist ja auch ein bisschen hart“, bemerkt Strzoda einfühlsam. „Ich meine: Wir fahren nachher zurück nach Hamburg ...“

Das Publikum, mittelalt bis jung und eher intellektuell, mochte die Gags, mochte einfach Rocko Schamoni. Der revanchierte sich mit einer Liebeserklärung an „dieses dampfende Elefantenherz von Lübeck“. Das sei etwas anderes als das „Ghetto-Gefühl“ in Hamburg- Eppendorf. Na dann, bis zum nächsten Mal!

Marcus Stöcklin

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

400 Jahre nach William Shakespeares Tod: Sein Zauberstück „Der Sturm“ gibt am Lübecker Theater Rätsel auf.

08.02.2016

Aufmerksame Leser hätten es ahnen können. Auch sein Sohn komme so langsam in die Pubertät, schrieb Bestsellerautor Jan Weiler („Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“) am Ende seines Buchs „Das Pubertier“.

08.02.2016

 Edgar Selge brilliert in „Unterwerfung“ nach Michel Houellebecq am Schauspielhaus Hamburg. Der Applaus ist so überbordend, zustimmend und anhaltend, dass man schon mal sicher sein kann, was der Abend nicht ist: eine Provokation.

08.02.2016
Anzeige