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Kultur im Norden Herr Yeginer vom Ohnsorg Theater
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15:28 12.01.2019
„Der beste Repräsentant des Volkstheaters ist ja im Grunde William Shakespeare“, sagt Murat Yeginer. Quelle: int
Hamburg

Murat Yeginer war sechs Monate, als er mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam. Er wuchs in Hamburg und München auf. Er wurde Schauspieler, Regisseur, Autor. Er wurde einiges, was es am Theater so gibt. Und jetzt sitzt er als Oberspielleiter im Hamburger Ohnsorg Theater und sagt: „Ich bin nicht der Migrationsonkel.“

Man mag das erstaunlich finden. Genauso erstaunlich wie den Umstand, dass er seit dieser Spielzeit diesen Posten hier hat im Bieber-Haus hinterm Hauptbahnhof, wo Heidi Kabel lebensgroß als Bronzefigur vor der Tür steht und die bekannteste plattdeutsche Bühne zu Hause ist, die bekannteste regionalsprachliche Bühne überhaupt. Tatsächlich aber ist Murat Yeginer nur der vielleicht augenfälligste Ausdruck dafür, dass die Dinge im Fluss sind und das Theater neue Wege gehen muss, das Ohnsorg Theater wohl ohnehin.

Anfangs auf Hochdeutsch

Richard Ohnsorg hat das Theater 1902 gegründet, damals noch als hochdeutsche „Dramatische Gesellschaft“. Plattdeutsch kam erst später hinzu. 2011 ist die Bühne von den Großen Bleichen ins Bieber-Haus beim Hauptbahnhof umgezogen, wo künftig auch der Rowohlt-Verlag seinen Sitz hat. In der Spielzeit 2015/16 wurden mehr als 140 000 Besucher gezählt, 2016/17 waren es 135 000. Für die vergangene Saison liegen noch keine genauen Zahlen vor. Im Großen Haus (414 Plätze) beträgt die Auslastung 74 Prozent, im Studio (63 Plätze) 97 Prozent. Das Theater erhält 2,24 Millionen Euro an Subventionen. Am 19. Januar gastiert das Ohnsorg Theater mit „Hartenbreker“ im Lübecker Kolosseum (20 Uhr).

Aber das tun sie dort seit geraumer Zeit, schon als der Intendant noch Christian Seeler hieß. Seit der vergangenen Saison heißt er Michael Lang, der vorher das Winterhuder Fährhaus in Hamburg geleitet hat. Er kannte Yeginer aus diesen Jahren und bat ihn, zum Start am Ohnsorg Theater „Romeo und Julia“ zu inszenieren – auf Plattdeutsch. Das gefiel. Das gefiel auch Leuten aus dem Haus. Und deshalb ist Murat Yeginer, ein Mann von 60 Jahren, der nach wie vor mit seiner Frau in Oppenheim bei Mainz zu Hause ist, jetzt als Oberspielleiter dabei.

Er hat in Hamburg Mitte der Siebziger Schauspiel studiert und hatte danach feste Engagements als Schauspieler und Regisseur in Saarbrücken, Kiel und Oldenburg. Zuletzt war er Schauspieldirektor am Theater Pforzheim. In Pforzheim hat etwa jeder Zweite fremde Wurzeln, da kommt man als Theatermacher nicht am Thema Migration und Integration vorbei. Warum auch? Aber Yeginer mag sich ungern festnageln lassen. Man muss die Augen offen und die Dinge im Blick behalten, sagt er. Wenn Genmanipulation das Thema der Stunde sei, dann sei es eben Genmanipulation. „Wir müssen immer auch mit der Zeit gehen.“

Deshalb haben sie am Ohnsorg Theater Stücke wie „Soul Kitchen“ nach dem Film von Fatih Akin im Programm. Deshalb hat am Sonntag (13. Januar) „De dresseerte Mann“ Premiere, eine plattdeutsche Erstaufführung nach dem einstigen Aufregerbuch von Esther Vilar. Deshalb spielen sie „Nipplejesus“, wo der Popautor Nick Hornby die Frage verhandelt, was Kunst ist und was nicht. Und deshalb gab es im vergangenen Jahr „De Mann in’n Stroom“ nach dem Roman von Siegfried Lenz.

Yeginer hatte das Stück inszeniert, und wenn man so will, ist er auch so etwas wie ein Mann im Strom. Er sieht, dass das angestammte Ohnsorg-Publikum weniger wird und sie jüngeres Publikum brauchen. Das braucht jedes Theater, natürlich. Aber bei diesem hier, das immer mit Heidi Kabel und Henry Vahl in Verbindung gebracht werden wird, in dem Schauspieler wie Edgar Bessen und Hilde Sicks den Norden unterhalten haben und nicht nur den, bei diesem Haus voller Tradition stellen sich diese Fragen noch etwas dringlicher.

Plattdeutsch ist für viele ein Ausschlusskriterium. Wer es nicht versteht, bleibt meist draußen vor der Tür. Da hilft es, wenn sie die Stücke auf Platt- und Hochdeutsch spielen und die Anteile variabel halten. Da hilft es auch, wenn sie auf der kleinen Studio-Bühne mehr riskieren können als im Großen Haus. Etwa die Hälfte der Regisseure ist inzwischen weiblich. Sie wollen wieder Autoren ans Haus binden. Und wenn man Yeginer nach Volkstheater fragt, sagt er: „Das wollen wir machen, das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben. Der beste Repräsentant des Volkstheaters ist ja im Grunde William Shakespeare.“

Aber sie erfänden das Rad hier nicht neu. Arbeitslosigkeit etwa sei auch schon bei Henry Vahl ein Thema gewesen. Und sie gingen „vorsichtig und filigran“ zu Werke. Theater sei ja immer eine Gratwanderung zwischen Herausforderung und Erwartung. Aber bestimmte Regisseure oder Regiestile werde es am Ohnsorg Theater nicht geben, auch wenn er sie für noch so bedeutend halte. „Ich will nicht belehren“, sagt er. „Ich will mit Theater berühren und verführen. Kunst muss etwas in mir auslösen.“ Für reine Varietékunst stehe er jedenfalls nicht zur Verfügung. Auch schwere Themen könnten unterhaltsam sein. Und mit Netflix könnten sie hier schon gleich gar nicht konkurrieren.

Natürlich geht so ein Umsteuern nicht ohne Murren und Protest ab. In den letzten Jahren, schon vor seiner Zeit, sind die Besucherzahlen gesunken. Aber sie stabilisierten sich, sagt er. Sie spürten inzwischen „Wind unter den Flügeln“. Es kämen mehr Erstbesucher und Jüngere, „im Studio definitiv“. Auf Plattdeutsch aber würden sie nicht verzichten. Und irgendwann will er selbst hier im Haus spielen. Er versteht zwar jedes Wort auf Platt, spricht es jedoch nicht bühnenreif. Aber er arbeitet daran.

Peter Intelmann

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