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Kultur im Norden „Oper ist, wenn dicke Frauen schreien“
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18:12 25.08.2017
Mit handlichen Instrumenten: Klavierkabarettist Bodo Wartke (Melodica) und Melanie Haupt (Ukulele). Quelle: Foto: Axel Nickolaus

Wenn er auf seine Eltern gehört hätte, wäre er Chefarzt geworden. Aber Bodo Wartke hatte anderes im Sinn, hat die Künstlerlaufbahn eingeschlagen – und hat Spaß und Erfolg als Klavierkabarettist. Seit Jahren füllt der inzwischen 40-Jährige große Säle. 1800 Menschen waren Donnerstagabend gekommen, um ihn auf der Eutiner Freilichtbühne zu sehen und zu hören. „Was, wenn doch?“ heißt sein Programm. Es ist nicht brandneu, trotzdem musste sich niemand langweilen. Wartke kommt mit neuen Songs, stellt sein neues Stück „Antigone“ vor. Und er hat eine Frau dabei – seine langjährige Bühnenpartnerin Melanie Haupt.

Mit Kindheitserinnerungen muss immer gerechnet werden, wenn Bodo Wartke in der Nähe seines Heimatstädtchens Bad Schwartau auftritt. So auch in Eutin. Zwar sei es sein erster Auftritt auf der Freilichtbühne, aber den Ort kenne er, lässt er wissen. Denn hier habe er als Kind „Die Fledermaus“ gesehen – die in diesem Jahr bei den Eutiner Festspielen wieder auf dem Spielplan stand („Ich weiß

nicht, ob es die gleiche Inszenierung war“).

Zum Musiktheater hat Wartke, der mal Musik auf Lehramt studiert, das Studium aber nicht abgeschlossen hat, ein besonderes Verhältnis. Gern zieht er Mozarts „Zauberflöte“ durch den Kakao. Auch an diesem Abend kann er’s nicht lassen. Sein Vater habe ihn mal mitgeschleppt in diese Oper, berichtet er. Verstanden habe er nichts. Aber den Eindruck gewonnen: „Oper ist, wenn dicke Frauen schreien.“

Bodo Wartke hat einen neuen Text geschrieben für die Arie der Königin der Nacht. Man könnte sagen: der ausgebildeten Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Melanie Haupt auf den Leib geschrieben. Sie ist höchst ansehnlich in ihrem kurzen Kleid aus leicht glänzendem Stoff, ihre Darbietung, in der die Koloraturen in hysterisches Lachen kippen und sie mit einem Gummidolch mit biegsamer Klinge herumfuchtelt, urkomisch. Doch bis der Abend in den witzigen Teil vordringt, muss sich das Publikum allerdings mit ernsten Themen beschäftigen. Schließlich besingt Wartke auch leidvolle Dinge wie unerwiderte Liebe oder die Qualen eines verlassenen Mannes. Er stellt sein neues Theaterstück „Antigone“ vor, eine komplett gereimte Adaption der Sophokles-Tragödie als menschliche Komödie, die 2018 im Schmidt Theater in Hamburg Premiere haben wird. Außerdem trägt er brandneue Lieder vor, brilliert als Gangsta-Rapper und mit seinem Insektenlied.

Wer ihn bis dahin noch nicht fest in sein Herz geschlossen hat, wird es spätestens jetzt tun: Bodo Wartke besingt „Das Land, in dem ich leben will“. Es ist ein tolerantes, friedliches, buntes Land, das er sich wünscht, dazu ein demokratisches und rechtsstaatliches. Es ist andächtig still während seines Vortrags, anschließend Rufe, Trampeln und zustimmender Applaus. Er versteht es nicht nur, prächtig zu unterhalten und zum Lachen zu bringen, sondern von ihm kann man sich auch verstanden fühlen – wer ein Konzert Bodo Wartkes besucht, kann fast sicher sein, dass er in deutlich besserer Stimmung geht, als er gekommen ist. Dass er die Gage dem von seiner Mutter gegründeten Verein „Praxis ohne Grenzen“ spenden will, der Menschen eine medizinische Behandlung ermöglicht, die keine Krankenversicherung haben, kam sehr gut an.

In seinem gefühlvollen Song „Das falsche Pferd“ spinnt er den Gedanken, Menschen würden sich nur noch von ihren Bedürfnissen lenken lassen. Aber: „Wir unterwerfen uns lieber weiterhin dem Joch. Denn das kann ja gar nicht klappen . . .“, heißt es in dem Text. Und weiter: „. . . was, wenn doch?“

Liliane Jolitz

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