Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regen

Navigation:
Operette mit viel Witz und wenig Ironie

Eutin Operette mit viel Witz und wenig Ironie

Und Christel von der Post kommt mit der Vespa: Premiere des „Vogelhändlers“ bei den Eutiner Festspielen.

Voriger Artikel
Preisträger der Festspiele MV in Wismar
Nächster Artikel
Mozarts Klarinetten-Hit auf der Bratsche

Die Christel von der Post (Susanne Großsteiner) tritt flott auf: „Einen Kuss / Wenn ich muss. / Nur nicht gleich, nicht auf der Stell‘ / Denn bei der Post geht's nicht so schnell.“

Quelle: Susanne Peyronnet

Eutin. Die Sopranistin Peggy Steiner ist mitten im Lied der Kurfürstin: „An dem blauen Himmelsbogen / Ging der Mond, die Sterne zogen“, da prasseln dicke Regentropfen auf die Freilichtbühne von Eutin. Auf den Rängen bricht Unruhe aus, ein geschäftiges Knistern übertönt das Orchester — man hüllt sich in Regencapes. Die Sängerin aber, ungeschützt im schulterfreien roten Kleid, ignoriert das alles. Sie bringt ihr Solo, das von der Hochzeitsnacht mit einem „schönen, schönen Mann“ erzählt, ohne mit der Wimper zu zucken zuende: „Heimlich flüsternd half der Freier / Mir zu lösen Band und Schleier.“

Die Premiere von „Der Vogelhändler“, der populärsten Operette des österreichischen Ministerialrats und Nebenerwebskomponisten Carl Zeller von 1891, hatte bei schönstem Open-Air-Wetter und mit einem Wilderer-Auftrieb angefangen. Man befindet sich in der ländlichen Pfalz, und Männer wie Frauen geben sich der illegalen Jagd hin. „Hurra! Nur her / Die Gewehr‘!“, jauchzt der vielköpfiger Chor der Dörfler. „Welche Lust gewährt die Jagd, / Die man im Geheimen wagt!“ Zwar sind das von Urs-Michael Theus mit starker Hand geführte und solide aufspielende Festspielorchester und die Sänger auf der Bühne noch nicht ganz synchron. Doch schon da lässt sich eine Stärke der Aufführung hören: Der aus Profis und Amateuren gebildete Chor beherbergt erstens starke Stimmen (vor allem die weiblichen) und zweitens spielfreudige Mimen. Die Menge wogt immer wieder perfekt choreografiert hin und her, verspottet hämisch diejenigen, die Spott verdienen — die Obrigkeit — und singt hingebungsvoll.

Ein erster Knalleffekt dann der Auftritt des Vogelhändlers. Adam aus Tirol, der seine Braut besuchen will, stürmt mit Landsleuten aus einer überdimensionalen Alpenpanorama-Postkarte. Die österreichische Migrantenschar vollführt einen Schuhplattler, sie hat ihre Lederhosenkultur mitgebracht: „Grüaß enk Gott, alle miteinander“.

Die Geschichte von Adam und seiner Postchristel — die Briefträgerin kommt spektakulär mit der Vespa vorgefahren — ist operettenhaft verwoben: Erst begehren sie sich, dann tauchen in Gestalt der Kurfürstin und des Grafen Stanislaus erotische Missverständnisse auf, die zum Bruch der Beziehung führen. Am Ende bekommt aber jede und jeder, was er oder sie verdient: Adam die Christel, Baron und Wildhüter Weps die Hofdame Adelaide, Stanislaus, der sich zwischendurch als Kurfürst ausgibt, das Nachsehen.

Regisseurin Dominique Caron hatte vor der Premiere die subversive Kraft der Operette beschworen. Und sie bietet auch viel Witz, aber leider wenig Ironie. Der Pas de troi von zwei Professoren mit einem Diener ist gekonnt inszeniert, aber allzu musikantenstadelhaft. Ein Lied des Baron Weps, angereichert mit aktueller Politik und lokalen Döntjes, sichert Lacher. Der Humor aber bleibt harmlos immanent, der Kampf der Geschlechter stereotyp: Die Frauen wollen erobert sein, die Männer sind Jäger und Rammler. Und die Gefoppten. In einem der populären Zeller-Lieder heißt es· „Kämpfe nie mit Frau'n, / Leicht wirst du gehau‘n“. Nicht, weil sie mächtig wären, sondern: „Denn der Frauen Waffe ist / Die Schönheit und die List!“

Ein paar schöne Stimmen tun sich hervor. Christian Bauer als Tiroler Adam verfügt über einen sehr wendigen Tenor, dazu als Wiener über den Originalton Austria, von dem er herrlich häufig Gebrauch macht. Übertroffen wird er aber vom britischen Stanislaus-Darsteller Theodore Browne, der noch in Frankfurt studiert, aber bereits eine stimmliche Sicherheit und Strahlkraft besitzt, die ihn zum Bayreuth- Kandidaten machen könnten. Auch Bassbariton Oliver Weidinger kann sich als Weps mühelos gegen Wind, Blätterrauschen und ein auftrumpfendes Orchester durchsetzen. Er ist zudem ein origineller Schauspieler. Genauso wie Sopranistin Susanne Großsteiner als Briefchristel.

Von Sopranistin Peggy Steiner lässt sich immerhin berichten, dass sie sehr wetterfest ist.

Oper und Operette
„Der Vogelhändler“ von Carl Zeller ist nach Verdis „Aida“ die zweite Premiere in Eutin. Vorstellungen: Heute, 19 Uhr, Sa.,   1. August,  

20 Uhr, So.,   2. August  

15 Uhr.

Michael Berger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden