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Out of Bad Schwartau

Lübeck Out of Bad Schwartau

Ralph Rieckermann war Bassist bei den Scorpions. In Bad Schwartau ist er groß geworden. Jetzt malt er in Hollywood und ist DJ.

„Purple Haze“ heißt das Jimi-Hendrix-Bild. Ralph Rieckermann hat für seine Arbeiten eine Technik aus Malerei, Fotografie und Computerkunst entwickelt.

Quelle: Rieckermann

Lübeck. Es ist nicht viel Platz auf einer Bassgitarre. Eigentlich gar keiner. Ralph Rieckermann (54) hat sie trotzdem bemalt, wieder und wieder, Schicht über Schicht.

Jetzt hängt sie hinter ihm an der Wand. Also an einer Wand in seinem Haus in Hollywood. Und die Gitarre hat er früher selbst gespielt in einer Band namens Scorpions. Und wenn man das alles zusammennimmt, Hollywood, Scorpions, dann ist das eine ganze Menge für jemanden, der in Bad Schwartau mal von der Schule geflogen ist.

In Bad Schwartau ist er groß geworden. Hier hat ihn sein Bruder zu seinem ersten Rockkonzert mitgenommen. Hier haben ihm seine Eltern mit 15 seine erste Bassgitarre gekauft, gelb war sie und von Ibanez. Hier wurde er mit einem sensationell schlechten Zeugnis vom Gymnasium geworfen, weil er einen anderen Musikunterricht wollte und die Mitarbeit einstellte, als das nicht passierte. Von hier aus hat er in Lübeck an der Musikhochschule Kontrabass und Klavier studiert. Und von hier aus ist er nach Hamburg gegangen und hat ein paar Jahre Tanzmusik gemacht.

Ende der Achtziger reichte es mit der Tanzmusik. Hamburg war zwar das Tor zur Welt, aber eben nicht die Welt selbst. Also nahm er zwei Koffer, zwei Bassgitarren und zog nach Los Angeles. Er hatte dort mit einem Sänger eine Band, aber die Sache kam nicht recht voran. Irgendwann arbeitete er auf dem Bau für sechs Dollar die Stunde, und die Karriere bestand darin, es auf 15 Dollar geschafft zu haben.

„Ich will zurück auf die Bühne. Da gehöre ich hin." Ralph Rieckermann

„Ich will zurück auf die Bühne. Da gehöre ich hin." Ralph Rieckermann

Quelle:

Aber dann kam ein Anruf von einem Freund, dass die Scorpions einen neuen Bassisten suchten. Es kam ein Vorspiel in Schwarmstedt, im Keller des Scorpions-Gitarristen Rudolf Schenker, und nach vier Wochen die Nachricht: Okay, du bist dabei. So fing das an mit der Weltkarriere. So fing das an mit den mehr als zehn Jahren, in denen er über die Kontinente und die großen Bühnen zog. Sie waren Superstar-Reisende in Sachen Rockmusik. Er hatte es geschafft.

Aber auch für Rockstars ist nicht jeder Tag aufregend. Dinge wiederholen sich, zumal bei den Scorpions. Und dass er heute wieder in Los Angeles lebt und ganz andere Dinge tut, dass er malt und als DJ auftritt, hat vor allem damit zu tun.

Er war deutlich jünger als der Rest der Band und wollte auf dem nächsten Album etwas anderes ausprobieren, etwas Neues. Er mochte Funk, er wollte die Sache tanzbarer haben. Und eigentlich konnte er auch keine Lederhosen mehr sehen. Aber die anderen fanden Hardrock und Lederhosen ganz in Ordnung. Also trennten sie sich im Guten, und Rieckermann ging zurück nach Los Angeles.

Er hatte zu der Zeit schon Filmmusik gemacht, nicht ohne Erfolg. Das betrieb er weiter und ist bis heute an gut 40 Filmen beteiligt gewesen, vor vier Jahren auch an einem mit Sharon Stone und Andy Garcia. Aber das Projekt zog sich, er wurde frustriert und frustrierter. Irgendwann fuhr er runter in die Stadt, landete zufällig in einem Kunstladen und kam mit einem Arm voller Leinwände und Acrylfarben wieder raus. Zuhause setzte er sich hin, begann zu malen – und entdeckte eine völlig neue Welt.

Er war jetzt ständig in dem Laden. Er probierte Dinge aus, malte mit Strohhalmen, erst später mit Pinseln. Er war begeistert, mehr als er je geahnt hatte. Er konnte sich darin verlieren, sagt er am Telefon in Los Angeles. Ort, Zeit, das geriet alles ins Schwimmen, wenn er an der Leinwand saß. „Ich bin ein Mensch, der improvisiert. Und genau so male ich auch. Aus dem Bauch heraus. Ohne nachzudenken. Es ist, als wenn eine Kraft durch mich durchknallt, in die Hände rein, und es irgendwie für mich macht. Ich male aus dem . . . subconscious, wie sagt man . . . Unterbewusstsein.“

Er hat seine Malerei weiterentwickelt und inzwischen eine Collagentechnik gefunden, eine Mischung aus Fotografie, Öl- und Acrylmalerei und der Bearbeitung am Computer. Er hat Ausstellungen gehabt in Los Angeles, bei Bulgari am Rodeo Drive, mit dem Gitarristen Steve Vai, zuletzt vor zwei Wochen im „W“-Hotel in Beverly Hills. Und er verkauft seine Bilder natürlich auch, es kann hinaufgehen bis zu 35000 Dollar.

Vor einiger Zeit hat er noch etwas Neues entdeckt: als DJ arbeiten. Aber DJ heißt bei ihm: vor sich ein Standschlagzeug, neben sich zwei Sängerinnen und dann Hits aus seinen 50000 gespeicherten Songs abfahren – von Soul bis Klassik, von Reggae über Hiphop bis Heavy Metal. Und er will damit auf die große Bühne, auch in Deutschland, „so schnell wie möglich“.

In Deutschland ist er seit seinem Ausstieg bei den Scorpions nicht mehr gewesen. Sein Vater aus Bad Schwartau besucht ihn jedoch ein paarmal im Jahr. Außerdem wohnt seine Schwester Katja auf dem Anwesen, bekannt geworden als Saxofonistin von Rod Stewart. Aber die Show ruft. „Ich will zurück auf die Bühne“, sagt er. „Da gehöre ich hin. Ich bin ein Entertainer.“

Internet: www.ralphsart.com

 Peter Intelmann

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