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Paukenschläge am Polarkreis

Prag Paukenschläge am Polarkreis

BBC-Produktion „Eisige Welten“: Die Philharmoniker aus Prag untermalen atemberaubende Bilder aus den entlegendsten Gegenden des Planeten.

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Orcas im leider nicht ewigen Eis: Szene aus der Dokumentation „Eisige Welten“, begleitet von den Prager Philharmonikern.

Quelle: C. Hunter/bbc

Prag. An der kleinen Straße Ve Smeckách in der Prager Altstadt liegt die Heimat des City of Prague Philharmonic Orchestra. Unzählige Filmplakate an den Wänden zeugen von den Soundtracks, die hier aufgenommen wurden, von „Conan der Barbar“ bis zu „Das Leben der Anderen“. Durchdringend dröhnen die Pauken zu majestätischen Bildern aus der Antarktis. Plötzlich ist ein Knacken zu hören, sind schmelzende Wassermassen auf der Leinwand im Proberaum zu sehen. Imposante Eisberge scheinen zu implodieren.

Dramatische Streichersequenzen untermalen die Szenenfolge des Kapitels „Schmelzen der Pole“. „Streicher und Blechbläser, bitte nochmals. Wir werden jetzt synchron mit den Bildern spielen“, kündigt Dirigent Matthew Freeman an und schwingt energisch den Taktstock. In einer anderen Sequenz sieht man, wie sich putzige Adelaidepinguine in einer Brutkolonie am Kap Royds unweit des Südpols gegenseitig kleine Steinchen stiebitzen. Statt wagnerianisch dräuender Klänge sind nun tirilierende Flöten zu hören. Solange zumindest, bis ein brummender Kontrabass einen sich nähernden Orcawal ankündigt. Der nämlich bedroht einen einsam auf der Eisscholle verharrenden Pinguin.

Auf seinem Monitor sieht Matthew Freeman neben den zu spielenden Takten auch die Zeit, die jede Szene dauern soll. Die Musik, die die auf der Leinwand gezeigten Aufnahmen passgenau untermalt und emotional auflädt, stammt vom Filmkomponisten George Fenton. „Man muss sich nicht sklavisch an den Rhythmus halten, sonst wird es zu künstlich. Bei lauten Sequenzen wird man automatisch schneller, bei leisen Szenen langsamer“, erläutert der Arrangeur. Auf weiteren Monitoren sehen die 80 Musiker der Philharmoniker die live zu untermalenden Ausschnitte.

Max Moor, bekannt als Moderator der ARD-Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“, gesellt sich zu den Proben in Prag. Im vergangenen Jahr moderierte der gebürtige Schweizer bereits das Projekt „Planet Erde — Live in Concert“. 140000 Besucher sahen die audiovisuelle Umsetzung der BBC- Dokumentation. „Meine Aufgabe ist es, die nötigen Informationen zu liefern“, skizziert Moor seine Mission. „Natürlich versucht man, einen gewissen Wortwitz einfließen zu lassen. Die Leute sollen aber nicht denken: Jetzt labert der, und dabei will ich die Bilder sehen.“

Fünfeinhalb Jahre, nachdem „Eisige Welten“ erstmals im ZDF zu sehen waren, kann man nun in den großen Hallen der Republik in die unwirtlichen Polarregionen eintauchen. Die Tournee mit den Prager Philharmonikern startet morgen in Freiburg und macht am 28. Januar Station in Hamburg.

Auch der Hamburger Tierfilmer Oliver Goetzl war von der BBC für das Projekt engagiert worden. Er dokumentierte an der finnisch-russischen Grenze das Leben des Vielfraßes, ein Raubtier aus der Familie der Marder. Für die Aufnahmen hatten sich der studierte Zoologe und sein Kollege Ivo Nörenberg sieben Wochen lang in einer kleinen Holzkiste verschanzt. „Einer musste liegen und einer sitzen. Wenn man bei minus 20 Grad pinkeln muss, geht das nur in einen Kanister“, erinnert sich Goetzl an die Dreharbeiten. Er arbeitete dem britischen Regisseur Alastair Fothergill zu, der die preisgekrönten Serien „Planet Erde“ und „Eisige Welten“ produziert hat. Die Filme sind für die BBC Leuchtturmprojekte. Szenen aus dem Tierreich sollten in bislang nie gesehener optischer Brillanz zu sehen sein.

Daran, dass durch solche Naturdokumentationen die Welt gerettet werden kann, glaubt Moderator Max Moor nicht. „Wir können uns nur selbst retten. Die Natur braucht uns dazu nicht. Wenn die Polkappen schmelzen, dauert es vielleicht 500 Jahre, und die Natur hat sich regeneriert, wir sind dann längst weg.“ Die Vorstellungen von „Eisige Welten“ solle aber beim Zuschauer durchaus etwas bewirken, sagt der gelernte Schauspieler: „Wenn die Welt so ein Wunderwerk ist, dann könnten wir uns doch auch liebhaben, statt uns dauernd auf die Kappe zu hauen.“

Expedition der Rekorde
British Broadcasting Corporation (BBC), die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Großbritanniens, lässt wissen, dass „Eisige Welten“ mit der „größten Film-Expedition aller Zeiten“
produziert worden sei. 2300 Drehtage in der Luft, an Land, im Wasser und unter dem Eis seien notwendig gewesen.
„Eisige Welten — live in Concert“ ist am 28. Januar in der Hamburger Barclaycard Arena zu sehen. Weitere Termine unter www.eisige-welten-live.de

Alexander Bösch

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