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Paukenschläge und Terrorangst

Bayreuth Paukenschläge und Terrorangst

Zurück zum Eklat: Die Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele starten mit „Parsifal“ und neuem Personal.

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Während der Richard-Wagner-Festspiele zeigt das Bayreuther Wagner-Museum Fotografien von Monika Rittershaus: „Wagnerbilder“ heißt die Schau mit Inszenierungsfotos aus aller Welt. Die Aufnahme oben entstand bei einer Aufführung von „Tristan und Isolde“ an der Staatsoper Berlin (2006), inszeniert von Stefan Bachmann im Bühnenbild des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron, das auch die Hamburger Elbphilharmonie baut.

Quelle: Monika Rittershaus/dpa

Bayreuth. . Eigentlich war der Plan ein anderer: Jonathan Meese, Künstler aus Ahrensburg mit einem Hang zur Provokation, sollte Richard Wagners letzte Oper bei den Bayreuther Festspielen als Regisseur auf die Bühne bringen, Andris Nelsons sollte dirigieren.

Doch bei der Premiere des „Parsifal“ am kommenden Montag wird keiner der beiden dabei sein. Meese wurde bereits 2014 ausgeladen, angeblich, weil sein Konzept zu teuer geworden sei, in Wirklichkeit vermutlich, weil der Künstler der Festspielleitung zu riskant geworden ist.

Es war ein Paukenschlag: Nelsons warf vier Wochen vor der Eröffnung der Festspiele das Handtuch und wird von Hartmut Haenchen ersetzt. Nicht einmal Festspielleiterin Katharina Wagner, Urenkelin des Komponisten, konnte Nelsons zum Bleiben bewegen.

„Das hat mich viel Kraft und Anstrengungen gekostet“, sagt Regisseur Uwe Eric Laufenberg, der für den geschassten Meese die „Parsifal“-Inszenierung übernommen hat. „Auch die Sänger waren natürlich sehr verunsichert.“ Haenchen wisse aber, „wie’s funktioniert“. Laufenberg: „Die Wunde ist noch nicht geschlossen, aber sie heilt.“

Gerüchte, Dirigent Christian Thielemann, der die musikalische Gesamtleitung innehat, habe sich zu sehr in Nelsons’ Arbeit eingemischt, halten sich hartnäckig. Der Sprecher der Festspielleitung, Peter Emmerich, spekulierte lieber, die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen rund um das Festspielhaus könnten die empfindsame Künstlerseele Nelsons gestört haben.

Seit einigen Wochen nämlich ist das Festspielhaus eingezäunt, wohl zum ersten Mal in seiner Geschichte. Wer das Haus betreten will, braucht einen Sonderausweis. Zum ersten Mal herrscht auch eine Akkreditierungspflicht für Journalisten und Fotografen, die am roten Teppich vor dem Festspielhaus auf Prominenz warten wollen. Auch in Bayreuth herrscht Terrorangst.

Das Festspielpersonal ist nicht sonderlich glücklich darüber. Regisseur Laufenberg, der als Nachrücker sein altes „Parsifal“-Konzept aus der Schublade geholt hat, das er eigentlich an der Kölner Oper auf die Bühne bringen wollte, hadert mit dem Sicherheitskonzept. „Wenn wir in einer offenen Gesellschaft leben wollen, wird es die absolute Sicherheit nicht geben“, sagte er kurz nachdem in Bayreuth der Zaun aufgebaut worden war. „Die Statistik sagt, dass es viel wahrscheinlicher ist, bei einem Autounfall ums Leben zu kommen als bei einem Terroranschlag. Die Furcht vor dem Terroranschlag ist also – auch in Zeiten, in denen sie gerechtfertigt ist – viel zu groß und wird von der Gesellschaft viel zu hoch gezogen.“

Spekulationen, die Sicherheit sei auch darum in diesem Jahr ein so großes Thema, weil seine „Parsifal“-Interpretation eine islamkritische sei, wies er entschieden zurück. „Man könnte den zweiten Akt in Richtung Islam denken – trotzdem geht dieses Stück nicht um den Islam, es geht ums Christentum.“

Laufenberg, selbst großer Wagner-Fan und seit 1980 Stammgast auf dem Grünen Hügel, sagt, er habe sich für seine Inszenierung vor allem an Richard Wagner orientiert. „Was den „Parsifal“

angeht, habe ich mich vor allem mit der Uraufführungsinszenierung von Wagner selbst beschäftigt, die 50 Jahre an diesem Haus gelaufen ist, und mir die Frage gestellt, wie der Komponist seine Oper heute inszenieren würde.“

Die Antwort auf diese Frage soll es am Montag geben, nicht nur im Festspielhaus, sondern auch in rund 100 Kinos in Deutschland. Die Neuinszenierung soll per Satellit auf die Kinoleinwand übertragen werden. So kann auch Angela Merkel die Premiere vielleicht doch noch sehen. Zur Eröffnung der Festspiele wird die Kanzlerin, die mit ihrem Mann Joachim Sauer zu den Stammgästen zählt, nämlich nicht kommen. Allerdings nach Angaben der Stadt Bayreuth nicht wegen Sicherheitsbedenken, sondern aus terminlichen Gründen.

DREI FRAGEN AN...

1 Mit Spannung erwarten viele den „Parsifal“ von Regisseur Uwe Eric Laufenberg. Es heißt, er könnte islamkritisch sein. Ich rede grundsätzlich nicht über die Regiearbeiten von Kollegen. Das Werk dreht sich per se um Religiöses, und in Herrn Laufenbergs Interpretation werden alle Weltreligionen auf der Bühne gezeigt, unter anderem der Islam. Ich kann keine Islamkritik darin erkennen. Genau wegen dieser Diskussion machen wir diesmal die Pressekonferenz nach der Premiere. Es soll erstmal jeder sehen, was auf der Bühne stattfindet, dann reden wir über Inhalte.

2 Wer inszeniert den Ring 2020, vielleicht sogar Sie selbst? Ich bin Regisseur, ich sollte nie ausschließen, dass ich inszeniere. Sein kann alles. Jedoch sage ich nicht mehr öffentlich, mit wem ich in Verhandlungen stehe. Ich gehe nur noch mit Fakten an die Öffentlichkeit, weil Tatsachen noch Jahre später falsch dargestellt werden.

3 Wie geht es Ihnen mit dem strengen Sicherheitskonzept in diesem Jahr? Das Festspielhaus ist seit einigen Wochen eingezäunt. Spaß macht es nicht, aber man gewöhnt sich daran, dass man seinen Ausweis zeigen muss. Es ist zwar ein bisschen komisch, wenn die Wachleute sagen: „Frau Wagner, Sie haben Ihren Ausweis nicht dabei, dann können wir Sie nicht reinlassen.“ Aber dann läuft man halt nach Hause und holt das Ding. Das macht man genau einmal und dann hat man ihn immer dabei. Das hat einen guten pädagogischen Effekt. (lacht)

Britta Schultejans

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