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Kultur im Norden Vom Elendsproletariat zur Spaßgesellschaft
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13:16 26.01.2019
Im Kreml: Alexander James Edwards (Fürst Schuiski), Ernesto Morillo (Boris Godunow) und Wioletta Hebrowska (Feodor, v.l.). Quelle: Steffen Gottschling
Lübeck

Hochgespannte Erwartungen. Peter Konwitschny arbeitet am Lübecker Theater. Schon im Vorfeld waren Stichworte zur Inszenierung von Modest Mussorgskys bekanntester Oper „Boris Godunow“ durchgesickert: Kasperletheater und Hüpfburg. Also Klamauk, weil Konwitschny von „toter Oper“ spricht, wenn er an „werkgetreue“ Aufführungen denkt?

Natürlich kann man von ihm nicht erwarten, dass er „Boris Godunow“ in Szene setzt wie vor hundert Jahren. Aber man weiß, dass es spannend wird, vielleicht sogar erhellend. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Bei der schon in Nürnberg erprobten Inszenierung, die jetzt mit dem Lübecker Ensemble zu erleben ist, wagten die Premierenbesucher offenbar nicht, zwischen den sieben Bildern laut zu applaudieren. Am Anfang womöglich, weil die Spiegelung der Personen durch Kasperle-Figuren erst verdaut werden musste. Später vielleicht, weil man von der Musik und vom Geschehen ergriffen war?

Einige gingen nach dem zweiten Bild

Einige Besucher gingen nach dem zweiten Bild. Alle anderen spendeten am Schluss einhelligen Beifall: für die Leistung der Erwachsenenchöre (Einstudierung Jan-Michael Krüger), des Kinderchores (Einstudierung Gudrun Schröder), für die Solisten, das Orchester unter Ex-GMD Ryusuke Numajiri und für das Regieteam um Peter Konwitschny sowie seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter. Kein Buh, spärliche Bravorufe, jede Menge Stoff für angeregte Gespräche.

Nachdem über Jahrzehnte die längere, um etliche Bilder erweiterte Fassung im geglätteten Orchesterkleid von Nikolai Rimski-Korsakow an unseren Bühnen zu erleben war, griffen Peter Konwitschny und Ryusuke Numajiri auf die kürzere ursprüngliche Fassung Mussorgskys aus dem Jahre 1869 zurück. Sie ohne Pause über zwei Stunden und 15 Minuten durchzuspielen, setzt Durchhaltevermögen bei Akteuren und Zuschauern voraus.

Die Grundfrage bleibt in allen Fassungen: Hat Zar Boris, der von 1584 bis 1598 die Regentschaft für den unfähigen Feodor I. ausübte und sich nach dessen Tod krönen ließ, den jüngsten Sohn Iwans des Schrecklichen ermorden lassen? Und ist es so, dass Macht bis heute hin korrumpiert? Der Regisseur ist davon offenbar überzeugt. Das Volk wird als Stimmvieh bei Laune gehalten. Seine Probleme werden nicht gelöst, sondern „gelangweilt liegen gelassen“, wie Kurt Tucholsky sagte.

Die Kasperlebühne kracht zusammen, wird zum maroden Kloster. Aus dessen Trümmern kriechen Untertanen, in deren Rücken der alte Mönch Pimen die Geschichte Russlands einritzt. Auf dem Rücken der Völker werden die Konflikte ausgetragen. Immer noch und immer wieder. Pralles Theater ist zu erleben, wenn die Wirtin sich mit dem entlaufenen Mönch amüsiert, der den Zarenthron erobern will.

Macht euren Dreck alleine!

Große Oper dann im Kreml. Da trauert Zarentochter Xenia um ihren Verlobten, spielt Zarewitsch Feodor mit Panzern und dem Globus. Der Zar bekommt die ersten Wahnsinnsanfälle. Das alles spielt vor goldenen Wänden.

Und dieses Gold wird fürs Schlussbild mitgenommen. Das Elendsproletariat ist zu Wohlstand gekommen. Riesig bläht sich der grellbunte Einkaufswagen auf: Konsum, Konsum über alles! Wir sind die Spaßgesellschaft!

Nur der Narr in Christo (anrührend Hojong Song) singt seine Klage: „Wehe, wehe dem Reich. Weine, weine armes Volk!“ Boris, den die Bojaren stürzen wollen, schreibt sein Vermächtnis auf ein Stück Pappe. Der alte Mönch taucht auf, hält einen Lichtbildervortrag. Boris, der eigentlich sterben sollte, wird mit Freizeitkleidung versorgt. Er steigt nicht in den Hades, sondern in den Orchestergraben: Macht euren Dreck alleine!

Zar Boris wurde in der Premiere von Ernesto Morillo gesungen: kräftig sein Bass, ausdrucksvoll das Spiel. Denis Velev mit abgrundtiefem Bass ist ein herausragender Pimen. Alexander James Edwards als Fürst Schuiski: aalglatt im Agieren, beweglich in der Stimmführung. Zusammen mit Steffen Kubach dirigiert er das Volk. Tobias Hächler als Grigori (Mönch und falscher Zarewitsch) überzeugt mit heldentenoralem Glanz. Lebendig im Spiel und mit schönen Stimmen gefallen Evmorfia Metaxaki (Zarentochter), Wioletta Hebrowska (Zarewitsch Feodor), Julia Grote (Wirtin und Amme), Minhong An (Warlaam).

Erstmals in deutscher Fassung

Die Chöre waren gut vorbereitet. Die russisch-orthodoxen Kirchenhymnen hätte man gern deutlicher gehört. Sie klangen aus dem Hintergrund sehr gedämpft. Vielleicht sollte man emotional gar nicht so stark berührt werden? Ryusuke Numajiri und das Philharmonische Orchester lieferten einen austarierten „Boris“: glutvoll in vielen Szenen, ruppig auch, wenn die Wogen hoch gingen, verhalten an anderen Stellen. Die russischen Volksweisen kamen zu ihrem Recht, die Kirchenglocken in den vordersten Logen verdichteten die Atmosphäre.

Gesungen wird erstmals in einer deutschen Fassung von Bettina Bartz und Werner Hintze. Die deutschen Übertitel sind dennoch sehr hilfreich. In den Februarvorstellungen (2., 15., 22.) sind einige Alternativbesetzungen zu hören. Im Graben steht dann Manfred Hermann Lehner.

Konrad Dittrich

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