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Kultur im Norden Peter, der Große
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11:27 19.02.2018
Große Show: Peter Maffay bei seinem Konzert in Kiel. Quelle: ISABEL SCHIFFLER/AZZ ARCHIV HAMBURG

In großartigen Konzerten kommt irgendwann der Moment mit großem Erinnerungspotenzial. Produziert nicht mit dem gezückten Handy, sondern akustisch gespeichert im Reich der Sinne. Dieser Moment trat am Mittwochabend in der mit 7000 Zuschauern ausverkauften Sparkassen-Arena ein, als Peter Maffay seinen Freund Johannes Oerding für „Über sieben Brücken musst Du gehn“ auf die gewaltige Bühne holte.

Dass dieser Song nicht aus dem reichhaltigen Fundus von Maffay stammt, sondern von der DDR-Band Karat vor 40 Jahren veröffentlicht wurde – Schwamm drüber, im Westen gilt Maffay als Brückenbauer.

Oerding also stimmte die Hymne an, Maffay übernahm, und als das Publikum den Refrain sang, saßen beide auf ihren Hockern und schienen diesen Gänsehaut-Moment ebenfalls verinnerlichen zu wollen.

Zu diesem Zeitpunkt ist längst klar, dass diese Unplugged-Tour durch 23 deutsche Städte eine gute Idee des vitalen Deutsch-Rockers ist. Peter Maffay ist jetzt 68, seine erste Platte hat er 1968 aufgenommen, seine Unplugged-CD, entstanden im August vergangenen Jahres im heimeligen Steintor-Varieté, Deutschlands angeblich ältestem Varieté-Theater in Halle an der Saale, ist sein 18.

Nummer-eins-Album. Das hat kein anderer Kollege in Deutschland geschafft. Klar, dass einer wie er über ein treues Publikum verfügt, gemeinsam ist man in fünf Jahrzehnten gealtert, das verbindet und beinhaltet einen entscheidenden Vorteil: Die Halle ist komplett bestuhlt, doch die Fans hält es nicht auf den Sitzen. Schon beim zweiten Lied „Gelobtes Land“ geht die Post ab. Die Akustik ist hervorragend, selbst Carl Carltons Gitarren-Soli gehen im satten Sound nicht unter. Maffay klampft im schwarzen, engen Lederdress auf einem schwarzen Drehhocker, es ist so etwas wie das persönliche Sit-in des 68ers. Seine Stimme ist kräftig-druckvoll, der Spaßfaktor augenscheinlich hoch. „Guten Abend, Kiel!“, ruft er hoch in den vierten Rang, lacht und spricht von Wohnzimmer-Atmosphäre. Nun gut, die lässt sich vielleicht in einem überschaubaren Varieté erzeugen, aber eher nicht im gewaltigen Kieler Handball-Tempel. Doch in gewissem Sinne sind Band und Fans doch unter sich, alte Bekannte, die sich gerne wiedersehen und von sich hören lassen. Alte Bekannte aus der großen Maffay-Familie wie Drummer Bertram Engel, Carl Carlton, Bassist Ken Taylor oder Jean-Jacques Kravetz’ Sohn Pascal an den Keyboards.

„So bist Du“ (schön groovig) und Maffays erster Nummer-eins-Hit von 1970 „Du“ gibt's im Doppelpack, auf den Rängen wird geschunkelt. Selbst wer hinten sitzt, ist im Bilde, die überdimensionale Videoleinwand transportiert das Spektakel auf der Bühne in den letzten Winkel. Bei „Weil es Dich gibt“ schlägt die Stunde der Bläser, die aus den Niederlanden importierte Countrysängerin Ilse DeLange intoniert mit Maffay „Sonne in der Nacht“ wunderbar ungestüm. Spätestens „Samstagabend in unserer Straße“ lässt auch Zuhörer mit Kniearthrose hemmungslos rocken. Der Titelsong von Maffays viertem Album entstand 1974. „Was aus so einem alten Schinken noch zu machen ist“, staunt Peter, der Große, und stellt die eher rhetorische Frage, ob jemand aus den 1970ern da sei. Lautstarker Jubel.

So verbringen Band und Zuhörer 150 stimmungsvolle Minuten mit einer Überraschung am Ende: Maffay und Oerding tauchen aus dem Dunkel zum letzten Duett der Bühne auf, danach sprintet der Chef durch die Halle, klatscht begeisterte Fans ab, ehe Schluss mit unplugged ist. In kleiner Besetzung werden E-Gitarren reanimiert und die Verstärker aufgedreht. Mit „Dich zu sehn“ entlässt Peter Maffay sein Publikum . „Dich zu sehn, wie wäre das schön“, heißt es darin. Mancher wird gedacht haben: Peter zu sehn, wie war das schön.

 Von Gerhard Müller

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