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Kultur im Norden Ein Kreuzzug für den Jedermann
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13:57 08.12.2018
„Man kommt als Soldat mit Kreuzen, als Kreuzritter, in die Arena hier.“ Philipp Hochmair im Glitzerjackett als „Jedermann reloaded“. Quelle: Heike Blenk
Hamburg

Die trauen sich was, die Österreicher. Als im Sommer 2018 Theaterstar Tobias Moretti wegen einer Lungenentzündung als „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen ausfiel, holten sie den wahrscheinlich einzigen, der die Rolle aus dem Stegreif sprechen konnte – Philipp Hochmair. Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber. Mit „Jedermann reloaded“, seiner Fassung des Klassikers, ist der 45-Jährige seit fünf Jahren auf einem Kreuzzug über die Bühnen der Theaterlandschaft. Er will den „Jedermann“ ins Hier und Jetzt holen. Mit allen Mitteln. Nicht nur in Salzburg.

Wie das geht, war am Donnerstagabend im Hamburger Thalia Theater zu erleben. Hier hat Philipp Hochmair 2013 erstmals den „Jedermann“ gegeben. Seitdem hat er die Rolle nicht mehr losgelassen, sondern sich zu eigen gemacht. Hochmairs Jedermann ist ein genusssüchtiger Aufschneider und Lebemann mit Rockstar-Attitüde. Mit qualmender Zigarre kommt er im Militäranzug wie ein Warlord auf die Bühne, die blanke Brust mit Ketten und Kreuzen behängt, jongliert mit prallen Geldbeuteln, protzt mit seinem Besitz, prahlt mit seinen Gütern und schwadroniert mit Worten und obszönen Gesten vom Lustgarten für seine Buhlschaft, auf dass der ihm wie diese allzeit Freuden schenke. Für Habenichtse und Schuldner hat er kein Mitleid, höchstens ein paar Almosen übrig.

Ein Lotterbett aus Lamettabergen

Begleitet von den treibenden Rhythmen und Beats der Band „Die Elektrohand Gottes“ badet dieser Jedermann selbstverliebt in geldgeiler in Lust, wälzt sich in einem Lotterbett aus goldenen Lamettabergen dem Höhepunkt entgegen bis ihn die Todesahnung ankommt. Das lustvolle Treiben gerät zum Todeskampf, dem Jedermann nur für eine geschenkte Stunde lang entkommen kann, um für seine letzte Reise einen Gefährten zu finden, der bereit ist, an der Pforte ins Jenseits für ihn zu sprechen.

Dieser Jedermann ist ein Hedonist des Kapitalismus, er könnte alles sein: Warlord, Banker, Kaufmann, Immobilienhai, Börsenhändler, Investor, begüterter Erbe oder reicher Show-Bizz-Man. Philipp Hochmair holt ihn ins 21. Jahrhundert und macht ihn zu einer Projektionsfläche der Gegenwart. Es sei ihm darum gegangen, sagt er, das Stück etwas zu „skelettieren und auf die Essenz runterkochen“. „Es ist ein unvergängliches Stück mit einer einfachen, aber wahren Aussage. Die Leute klammern sich mehr denn je an materialistische Werte – ich finde es eine Befreiung, das wegzusprengen mit so einem klassischen Text.“

Wie der Österreicher den Bühnen-Klassiker mit „Jedermann reloaded“ in eine moderne, zeitgemäße Version transformiert, ist absolut sehenswert. Philipp Hochmair spricht jeden Part, switcht binnen Sekunden mit Stimme und Modulation zwischen den Rollen und zwei Mikrofonen. Tobias Herzz Hallbauer, Jörg Schittkowski und Alwin Weber – „Die Elektrohand Gottes“ – schaffen mit ihrem Industrial-Rock-Sound den dramatischen Background zur Performance.

In Wort und Ton

Philipp Hochmair war Golo Mann in der Mann-Verfilmung von Heinrich Breloer, er hatte mehrere Einsätze im „Tatort“ und machte als korrupter Politiker in der Serie „Vorstadtweiber“ von sich reden. Der gebürtige Wiener war Meisterschüler von Klaus-Maria Brandauer, spielte an der Wiener Burg, am Deutschen Theater Berlin und gehörte fünf Jahre zum Ensemble des Hamburger Thalia-Theaters.

„Jedermann reloaded“ ist als CD und LP erschienen: zu beziehen über brokensilence.de.

Weitere Infos: www.elektrohand.com

Hörprobe: https://jedermann-reloaded.de/records/

Der „Jedermann“ als exstatischer Bühnenrausch – das wirbelt die Rezeptionsgewohnheiten des Publikums gehörig durcheinander, zur Freude Hochmairs. „Das Theater“, sagt er, „ist ja voller Behördenkräfte, das muss man ein bisschen gefügig kriegen, und das geht nur durch einen Kunstkrieg. Und diesen Kunstkrieg führe ich – das ist ein Spaß, natürlich und auch eine Provokation: Man kommt als Soldat mit Kreuzen, als Kreuzritter in die Arena hier.“

Der traut sich was, dieser Österreicher.

Regine Ley

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