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Politische Hetze im Kleinformat

Berlin Politische Hetze im Kleinformat

„Angezettelt“ — das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt, dass kleine Aufkleber manchmal alles andere als harmlos sind.

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Ein SA- und SS-Mann bekleben am 1. April 1933 das Schaufenster eines Textilgeschäftes in Berlin mit Boykott-Plakaten: „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“

Quelle: Bpk, Imago (1), Fotolia

Berlin. . Beim Wort „Aufkleber“ denkt man ans Jungsein. Ans Tauschen von bunten Stickern auf dem Schulhof oder das Sammeln von Fußballbildern. Später tauchen sie in der Lieblingskneipe auf, gebatscht auf eine Toilettentür. Meist harmlos. Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt nun aber, wie Aufkleber seit dem 19. Jahrhundert zur politischen Hetze genutzt werden.

LN-Bild

„Angezettelt“ — das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt, dass kleine Aufkleber manchmal alles andere als harmlos sind.

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Die Ausstellung heißt „Angezettelt — Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ und fällt mitten in die Flüchtlingsdebatte in Deutschland. Am Tag der Eröffnung der Schau wurde zum Beispiel die Nachricht bekannt, dass im sächsischen Freital fünf mutmaßliche Rechtsterroristen festgenommen wurden wegen Angriffen auf Asylbewerberheime.

Dass es Parallelen gibt von vergangenen Jahrzehnten zu heute, zeigt die Ausstellung anhand von Aufklebern. Zum Beispiel zu Beginn, da sieht man ein Sammelbild aus der Kolonialzeit. Schwarze Männer, die hintereinander hergehen. Direkt daneben hängt ein Aufkleber mit dem Anti-Flüchtlings- Slogan „Refugees not welcome“. Das Bild dazu sieht verdammt ähnlich aus. An den Wänden hängen antisemitische Aufkleber von 1933 — und Sticker der rechtsextremen NPD.

„Sticker werden genutzt, um Räume zu definieren“, sagt Kuratorin Isabel Enzenbach vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Jemand klebt sie anonym an eine Laterne oder in die Bahn, um ein Statement zu hinterlassen. Selbst im Mini-Format transportieren sie Ideologie — zur NS-Zeit etwa wurden Briefe mit Marken verschlossen, auf denen „deutsche Mädchen“ vor Juden gewarnt wurden.

Die Ausstellungsmacher haben sich schon gefragt: Darf man das, rassistische und antisemitische Hassbotschaften ausstellen? Und dann gleich so viele? Sie hätten immer versucht, die Objekte zu brechen, sagt Enzenbach. Die Ausstellung zeigt also parallel, wie sich Menschen mit Aufklebern gegen Fremdenhass wehren. „Die Gegenwehr ist so alt wie der Antisemitismus oder der Rassismus.“

Es ist ein Kampf auf wenigen Quadratzentimetern und um auffällige Orte. Das zeigte im Herbst auch ein Fall in Bayern. Dort waren laut Polizei Anti-Islam-Aufkleber mit Rasierklingen präpariert. Beim Versuch, einen Aufkleber zu entfernen, verletzte sich ein Student. In der Ausstellung wird auch eine Frau porträtiert, die laut Museum mit dem Spachtel loszieht, um rechte Aufkleber zu entfernen. Mehrere ihrer Aktenordner stehen in einem Regal, sie archiviert darin Aufkleber.

Viele gezeigte Objekte sind auch aus der Privatsammlung von Wolfgang Haney, dessen Familie unter der Verfolgung durch die Nazis litt und der als Mahnung antisemitische Stücke zusammentrug. Für Kuratorin Enzenbach ist seine Sammlung ein „unentdeckter Schatz“.

Die Sammlung sei deswegen so ein Glücksfall, weil es schwer sei, Antisemitismus auszustellen, sagt sie. „Das visuell fassbar zu machen, ist tatsächlich problematisch.“ Sticker können das mit ihren Parolen. Und sie zeigen auch die emotionale Ebene. Alte Klebebilder seien mit eigener Spucke angefeuchtet worden, sagt Enzenbach. Und dann suche man ja auch gezielt einen Platz dafür.

Für Museumsdirektor Alexander Koch ist die Ausstellung, die bis Ende Juli zu sehen ist, von „erschreckender Aktualität“. Friederike Tappe-Hornbostel von der Kulturstiftung des Bundes glaubt, man werde sich nach einem Besuch draußen anders umsehen. Und gucken, was an der Laterne klebt. Oder an der Toilettentür in der Kneipe um die Ecke.

Die kleinen Massendrucksachen

Die Sonderausstellung „Angezettelt — Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ zeigt Klebezettel, Sammelmarken und Sammelbilder, Briefverschlussmarken und Sticker aus der Zeit des Kaiserreichs, der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus bis hin zur Gegenwart in ihren jeweiligen Kontexten. Zu sehen sind sie bis zum 31. Juli.

Das Deutsche Historische Museum versteht sich als Ort der „Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern“. Träger ist die Bundesregierung. Adresse: Unter den Linden 2, 10117 Berlin.

Von Julia Kilian

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