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Pop-Theater der fliegenden Körper

Hamburg Pop-Theater der fliegenden Körper

Die New Yorker Show „Rock the Ballet“ hatte in Hamburg Premiere. Das getanzte Rockkonzert kommt auch nach Lübeck.

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Brave „Bad Boys“: Athletik mit Hebefiguren ist ihre Spezialität.

Hamburg. Man stelle sich eines dieser monumentalen Rockkonzerte vor, von Madonna oder Pink zum Beispiel: Da gibt es immer einen Trupp von Tänzern, die mit der Sängerin mehr oder weniger synchron über die Bühne toben. In der Show „Rock the Ballet“ des New Yorker Choreographenpaares Rasta Thomas und Adrienne Canterna emanzipiert sich die Tanz-Compagnie von den Popstars, die Beilage wird zum Hauptgericht. Jedenfalls ist das die Idee des Spektakels.

Im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel war mit großem Feuerwerk die Weltpremiere angekündigt worden. Dabei ist „Rock the Ballet“ in der Welt des Tanzes längst angekommen, schon vor einigen Jahren war die Thomas- Truppe in Europa unterwegs. Aber die Choreographien und die Musik variieren, das neue Programm kommt im März auch nach Lübeck.

Fünf junge Männer stürmen barfuß, in Jeans und bunten Polohemden auf die Bühne zur Hymne „Stronger“ des US-Rappers Kanye West. Sie üben sich in Imponierposen, in Kapriolen und Sprüngen, die zuweilen in Überschlägen münden. Die Dynamik der Musik übersetzen sie in federnde Körperkraft und Herrlichkeit. Wenn dann die einzige Frau, Adrienne Canterna persönlich, sehr blond und in einem grotesken sonnenblumengelben Kostümchen zwischen den Jungs herumfliegt, ist da doch wieder eine Figur mit Star-Appeal, der sich die anderen unterordnen.

Eine Claque macht sich im Publikum lautstark bei jeder Hebefigur bemerkbar, Robert Palmer singt „Simply Irresistible“, und ein Solist schmachtet die Primaballerina an. Schnell zeigt die Show eine Schwäche: Die Musik — Mainstream-Pop von Coldplay, den Bee Gees oder Michael Jackson — ist nicht live dabei, sondern dröhnt seelenlos und unabwendbar aus Boxen.

Eine Mischung aus klassischem Ballett, Tanztheater, Break-, Tapdance und anderen urbanen Bewegungsspielen bildet das Grundrepertoire von „Rock the Ballet“. Zirkus-Artistik und Figuren, die aus dem Bodenturnen bekannt sind, kommen hinzu. In New York sind Tänzer, die das alles beherrschen, ein nachwachsender Rohstoff der Straßenkunst. Im Battery Park an der Südspitze Manhattans unterhalten Streetdance-Gruppen an Sonntagen ihr Publikum. Die domestizierte Version hat es auf die Bühne geschafft. Alle Mitglieder von „Rock the Ballet“ haben eine klassische Ausbildung. „Bad Boys“ nennt Rasta Thomas seine Truppe, doch die schlimmen Jungs erweisen sich als ganz brav, selbst wenn sie eine Streetgang mit Krawatten um den nackten Hals spielen. Jeder darf mal ein Solo oder einen Pas de deux mit der Diva tanzen und athletisch glänzen, reiht sich danach aber sittsam wieder ein.

Es gibt einen zweiten Mangel: Es wird keine Geschichte erzählt, die Choreographie besteht aus einer Abfolge von Szenen. Da gibt es mal Streit zwischen Mann und Frau oder eine Banden-Konfrontation wie in der „West Side Story“, da gibt es Versöhnung und Minnedienst, doch die Rahmenhandlung fehlt. Ersetzt wird sie durch Projektionen: eine Schneelandschaft, Himmelskörper oder die Skyline von New York ergeben die Tanzkulisse.

Am Schluss kommt beim Techno-Hit „I‘m sexy and I know it“ Ballermann-Stimmung auf. Die Jungs zeigen ihre trainierten Oberkörper her wie die Chippendales. Das Publikum begleitet sie mit einem frenetischen Klatschmarsch. „Rock the Ballet“ will eben eine populäre Show bieten, also Popkultur im Wortsinn sein. Und als Pop-Spektakel der fliegenden und glänzenden Körper ertanzt sie sich ihre Berechtigung — mehr will sie nicht sein.

Michael Berger

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