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Popmusik mit klassischen Mitteln

Lübeck Popmusik mit klassischen Mitteln

Der schwedische Virtuose Håkan Hardenberger auf begeisterndem Parforceritt durch die Trompeten-Literatur.

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Der Mann mit dem Goldjäckchen: Håkan Hardenberger und Mitglieder des Kammerorchesters Academy of St Martin in the Fields in der MuK.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Der Lübecker Trompeter Matthias Höfs beklagte einmal, dass seinesgleichen im Orchester nur hörbar sei, wenn „heroische Momente“ anstünden. Deshalb fliehen versierte Instrumentalisten in Blechbläserensembles – wie Höfs – oder in die freie Solistenexistenz – ebenfalls wie Höfs.

LN-Bild

Der schwedische Virtuose Håkan Hardenberger auf begeisterndem Parforceritt durch die Trompeten-Literatur.

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Es wird nur schlimmer.“Håkan Hardenberger bei der

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Oder wie Håkan Hardenberger. Der schwedische Trompeter, 1961 in Malmö geboren, ist einer der Virtuosen, die das Heroische ebenso bedienen können wie das Intime und das Glitzernde, das bewies er bei seinem SHMF-Konzert in der Lübecker Musik- und Kongresshalle anhand einer ganzen Reihe von Kompositionen, die insgesamt mehr als 200 Jahre Musikgeschichte umfassten.

Einer wie Hardenberger kann sich eine exquisite Begleittruppe wie die Londoner Academy of St Martin in the Fields leisten, die mit feinster Streicherarbeit noch ohne den Solisten begann – Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 hat man selten so flott und jubilierend vernommen. Hardenberger trat dann im güldenen Jackett vor das Orchester, was irgendwie nicht zu Michael Haydns C-Dur Konzert zu passen schien, doch der Solist blies den gesanglich anmutenden Part auf der hohen B-Trompete hochseriös. Die Spitzentöne kamen gestochen scharf, nicht etwa auftrumpfend, sondern durchaus zart und im Piano.

Ganz anders seine Tongebung bei Robert Planels Konzert, 1966 für Maurice André geschrieben. Eine neoromantische Komposition zum Glänzen und Schwelgen, mit tänzerischen Momenten, von Hardenberger auf der C-Trompete innig zelebriert.

Und dann rechtfertigte Hardenberger den Einsatz des Gold-Jäckchens: mit Show-Stücken von Joni Mitchell, Kurt Weill oder dem Filmkomponisten William Walton. Oder mit „The Seagull“, von Jan Lundgren im Jazz-Idiom komponiert.

Håkan Hardenberger trat mit dem Flügelhorn in den Dialog mit dem britischen Kammerorchester, das all die Ausflüge ins Pop-Fach souverän mitging. Das flirrende „Sputnik“ eines gewissen Tobis Landgren (*1966), für Hardenberger rhythmisch vertrackt geschrieben, und auf der Pikkolotrompete gespielt, bewies, dass auch Neue Musik ein Feuerwerk entfachen kann.

Håkan Hardenberger schafft den Spagat zwischen den Stilen, ohne ein einziges Stück an Effekt-Klischees zu verraten. Er macht aus Frühklassik ebenso wie aus einer Film-Schnulze wie „Sans toi“ von Michael Legrand (*1932) seriöse Popmusik mit klassischen Mitteln.

Das Publikum in der MuK war natürlich begeistert. Seine dem Jazz entlehnten Zugaben (von Astor Piazzola und Richard Rogers) kündigte Hardenberger dem Klassik-Publikum mit den Worten an: „Es wird nur schlimmer.“ Keine Spur.

Brillantes Orchester

Die Academy of St Martin in the Fields wurde 1958 von Sir Neville Marriner als reines Streichorchester gegründet, später kamen Bläser dazu. Neben der Interpretation der Barockmusik haben sie unter anderem Filmmusiken zu „Amadeus“ und „Titanic“ eingespielt. Und sie sind mit mehr als 500 Aufnahmen das am häufigsten auf Tonträgern veröffentliche Kammerorchester – und eines der gefragtesten weltweit.

Michael Berger

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