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Kultur im Norden Populismus nicht den Extremisten überlassen
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19:12 11.10.2017
„Europa ist ein anderes Wort für Zukunft“: Heribert Prantl (r.) neben Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe. Quelle: Foto: Lutz Roessler
Lübeck

„Themen Willy Brandts – Themen unserer Zeit“ heißt die Veranstaltungsreihe des Lübecker Brandt-Hauses, in deren Rahmen Prantl am Dienstagabend vor etwa 300 Besuchern sprach. Und tatsächlich schlug er einen weiten Bogen, der nicht viel ausließ an drängenden Problemen dieser Tage. Flüchtlinge, AfD, Europa, Trump, Brexit, Erdogan, der entfesselte Kapitalismus – es gab viel zu besprechen.

Prantls Diagnose war deutlich: Die Dinge sind aus dem Ruder gelaufen. Die von manchen schon vergessen geglaubten „alten Wahnideen“ heben ihr furchtbares Haupt. Sicherheiten brechen weg, Rechtsstaat und Demokratie sind in der Defensive und die Europäische Union sowieso. „Die Welt ist bodenlos“, sagte der 64-jährige Jurist, der vor dem Journalismus als Anwalt, Richter und Staatsanwalt tätig war.

„Wir leben in einer Zeit der negativen Renaissance.“

Aber wo Gefahr ist, wächst ja das Rettende auch. Zumindest die Hoffnung, die auf jeden Fall. „Hoffnungslosigkeit ist ein Luxus, den man sich nicht leisten kann, wenn es einem schlecht geht“, zitierte er einen Teilnehmer einer Arbeitslosenkonferenz. Hoffnung aber, so Prantl, „fängt schlicht mit dem eigenen Tun an“, sie sei „hochpolitisch“. Auch in Angela Merkels „Wir schaffen das“-Formel sei sie angelegt, aber die Kanzlerin habe „zu wenig gute Politik“ mit diesem Satz gemacht.

Prantl warnte davor, den Populismus den vermeintlichen Populisten zu überlassen. Die seien tatsächlich „populistische Extremisten“. Populismus aber sei eine Qualität, ohne die Politiker nicht auskämen. Sie müssten dem Volk gut lutherisch aufs Maul schauen, aber ihm nicht danach reden.

Gerade auch in Europa, in der EU, dem „goldenen Kürzel für das goldene Zeitalter der europäischen Historie“. Die Union sei mehr als die Summe ihrer zweifellos bestehenden Fehler. Europa sei „ein anderes Wort für Zukunft, trotz alledem und alledem“. Über die vielen berechtigten Klagen habe man verlernt, das „Wunder“ zu sehen.

Tragen die Medien eine Mitschuld an der Lage, wollte ExDeutschlandfunk-Chefredakteur Rainer Burchardt im Gespräch mit Prantl wissen. Aber ja, sagte der. Sie seien „zu oft negativistisch“ im Blick auf Europa und besorgten so das Geschäft der Euroskeptiker. Auch sei der „Neoliberalismus“ von den Medien zu laut beklatscht worden.

Und er habe noch nie einen solchen Unfug über Journalismus gehört wie Hanns Joachim Friedrichs’ Satz, der Journalist dürfe sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Er jedenfalls habe sich immer als „Lobbyist der Grundrechte“ verstanden. Und wenn Drohbriefe mit den Geburts- und angekündigten Todesdaten der eigenen Kinder in die Redaktion kämen, dann sei das eben ein Fall für die Polizei. int

LN

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