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„Possehl war ein radikaler Nationalist“

Lübeck „Possehl war ein radikaler Nationalist“

Der Historiker Dirk Stegmann referiert am Dienstag in Lübeck über den großen Sohn der Stadt.

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Galt seinen Zeitgenossen als abweisend, aber ohne sein Erbe sähe heute vieles anders aus in Lübeck: Emil Possehl.

Quelle: Fotos: Archiv, Privat

Lübeck. Lübeck Dirk Stegmann war Assistent des bedeutenden Historikers Fritz Fischer und bis zu seiner Emeritierung 2006 Professor für Sozial- und Kulturgeschichte an der Leuphana-Universität Lüneburg.

War Emil Possehl ein Rassist?

Dirk Stegmann: Das lässt sich nicht ohne Weiteres sagen, die Quellenlage ist für solche Aussagen viel zu problematisch. Er war aber sicherlich ein radikaler Nationalist und trat definitiv im Dezember 1911 als Mitglied dem Alldeutschen Verband bei, der einen völkischen Nationalismus vertrat.

War er sogar Gründungsmitglied der rassistischen Organisation?

Stegmann: Nein, das geht zwar durch die ganze Sekundärliteratur, ist aber nicht belegt. Alle Autoren haben sich immer auf die Memoiren des Verbandsvorsitzenden Heinrich Claß

aus dem Jahre 1932 bezogen, und der behauptet es. Er trat erst Ende 1911 bei. Possehl hat sich seitdem weitgehend in die Verbandsarbeit integrieren lassen und war auch Gründungsmitglied des Deutschen Wehrvereins 1912, einer alldeutschen Tochterorganisation. Und er unterschreibt auch während des Krieges im April 1917 einen Werbeaufruf des Verbandes.

Hat er sich 100-prozentig mit den Alldeutschen identifiziert?

Stegmann: Wenn man sich seine Aktivitäten anschaut, muss man davon ausgehen. Er hat ja auch das Projekt unterstützt, mit der „Deutschen Zeitung“ eine eigene auflagenstarke Zeitung in Berlin zu schaffen. Und zwar mit erheblichen Geldmitteln. Er hat sich wie auch der spätere Lübecker Bürgermeister Johann Neumann mit 50000 Mark an den insgesamt für diese Zeitung aufzubringenden 2,3 Millionen Mark beteiligt. Insgesamt kamen 600000 Mark von einem „Freundeskreis an der Wasserkante“ zusammen, zu dem auch Hamburger und Bremer Wirtschaftskreise gehörten.

Könnte man Possehl als völkischen Nationalisten bezeichnen?

Stegmann: Das ist nicht ohne Weiteres belegbar. Unter Claß ist spätestens seit 1908 die völkische Ebene in die Verbandspolitik eingeführt worden. Und die „Deutsche Zeitung“

agitierte massiv in diesem Sinne. Unter anderem wird die um einen Verständigungsfrieden bemühte Reichstagsmehrheit von 1917 – die spätere Weimarer Koalition aus SPD, Linksliberalismus und katholischem Zentrum – als „Judenmehrheit“ diskreditiert. Aber man kann sicher nicht sagen, Possehl habe dem Redakteur jeweils die Feder geführt. Allerdings tritt er auch als Unterstützer der 1917 gegründeten Deutschen Vaterlandspartei auf. Und die wollte die innenpolitische Neuordnung Deutschlands stoppen und propagierte einen Eroberungsfrieden. Possehl stand hier jedoch nicht allein. Ihm taten es drei Lübecker Senatoren gleich, dann unter anderem der Bürgerschaftspräsident, der Landgerichtspräsident, zwei Hauptpastoren, mehrere Richter und Staatsanwälte, Oberlehrer und Handwerksmeister – das war das nationale Lager der Stadt in Besitz und Bildung. Da bildete er keine Ausnahme.

Claß beschreibt ihn als „Herrenmenschen durch und durch“.

Stegmann: Man kann den sozialpolitischen Possehl ganz schwer fassen. Die Aktenlage ist schlecht. Ich weiß nicht, wie er in seinen Betrieben in Lübeck, Schweden oder Russland mit seinen Arbeitern und Angestellten umgegangen ist. Aber er war sicherlich ein Gegner von Tarifverträgen mit den Gewerkschaften und nicht bereit, sie als Verhandlungspartner anzuerkennen. Und er war natürlich ein erklärter Feind der Sozialdemokratie. Aber auch damit stand er nicht allein.

Es haben ihn also in Lübeck durchaus Leute gehasst, wie Claß in seinen Memoiren behauptet?

Stegmann: Davon gehe ich aus. Man kann seine Haltung gegenüber den Mitarbeitern als autoritären Patriarchalismus beschreiben. Das eint ihn im Übrigen mit Alfred Hugenberg.

Spielte Possehl auch über die Grenzen Lübecks hinaus eine Rolle?

Stegmann: Er tritt zum Beispiel 1909 als einziger Lübecker in das Direktorium des Hansabundes ein, eines Verbandes zur Wahrung der Interessen von Gewerbe, Handel und Industrie gegen den Machtanspruch des preußischen Großgrundbesitzes. Was er da im einzelnen getan hat, lässt sich anhand der vorhandenen Quellen nicht sagen.

War er ein Kriegsgewinnler?

Stegmann: Das würde ich in dieser Form nicht sagen. Er verliert seine Unternehmen in Russland, und was aus seinen schwedischen Besitzungen geworden ist, vermag ich nicht zu sagen.

Aber insgesamt hat die Rüstungsindustrie während des Krieges sicher prächtig verdient und sich nicht gescheut, mit diesem Geld politische Propaganda für ihre Interessen zu machen. Und das waren sicherlich nicht die Interessen der breiten Bevölkerung. Dennoch wäre ich der Letzte, der Possehls Verdienste als Mäzen und Sponsor Lübecks schmälern will. Interview: Peter Intelmann

Größter Erzhändler des Kontinents, Mäzen der Stadt

Emil Possehl (1850-1919) stieg mit 23 Jahren bei der väterlichen Eisen-, Blech- und Kohlenhandlung ein. Er baute sie rasch aus, war schon bald der größte Erzhändler Europas, und als er 1915 sein Testament machte, wurde sein Vermögen auf 100 Millionen Mark geschätzt. So kann man es heute bei der Possehl-Stiftung nachlesen, die der kinderlos gebliebene Lübecker Senator als Erbin des gesamten Firmenvermögens eingesetzt hatte. Sie solle der „Förderung alles Guten und Schönen in Lübeck“ dienen, hatte er verfügt, und das tut sie bis heute. Sie vergibt jedes Jahr mehrere Millionen Euro für soziale, kulturelle oder wissenschaftliche Zwecke. Allein von 1950 bis 2014 waren es nach Angaben der Stiftung insgesamt fast 260 Millionen.

Dirk Stegmann (Foto) wird am Dienstag, 14. Juni, um 19.30 Uhr im Saal der „Gemeinnützigen“ (Königstraße 5) über Emil Possehl sprechen und mit Björn Engholm diskutieren. Der Abend findet im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des Willy-Brandt-Hauses statt.

LN

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