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Kultur im Norden Eine Revue über die Angst
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17:57 13.10.2018
Bei diesem Foto denkt man an vieles – aber kaum an den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Der Jägerchor veranstaltet Remmidemmi. Quelle: Paul Leclaire
Lübeck

Aber der Reihe nach. Denn der Beginn des Spiels war ein gelinder Geniestreich des Regisseurs, der mit der „Lady Macbeth von Mzensk“ und „Der ferne Klang“ große Erfolge am Theater Lübeck gefeiert hat. Max, der verzweifelte Jägerbursche, schwebt vom Bühnenhimmel sich windend herab und verschwindet in einer Versenkung, um gleich darauf in derangierter Abendkleidung wieder auf der bis eine Lautsprecherbox leeren Bühne zu erscheinen (Bühne: Wolf Gutjahr). Ein Mensch, geworfen in eine abweisende, fremd wirkende Welt – wollte Biganzoli dem „Freischütz“ etwa eine klassisch existenzialistische Wendung geben? Das wäre ein interessantes Experiment gewesen, aber es kam anders.

Regisseur Jochen Biganzolis inszenierte die deutsche Nationaloper als eine schrille Revue der Angst

Max gerät gleich doppelt in die Fänge von Maschinerien, nämlich in die Fänge der leistungsorientierten gnadenlosen und in feiste Roben und Fräcke gekleidete Gesellschaft (Kostüme: Katharina Weissenborn). Und in die eines Kameramannes (Roman Malzan), der jeden seiner Schritte dokumentiert. Jochen Biganzoli hat die Dialoge der Oper gestrichen, zwischen die musikalischen Nummern hat er Zwischenspiele gesetzt, in denen der deutsche Wald dann doch eine Rolle spielt. Als Raum der Alpträume allerdings, dieser Wald ist bedrohlich, die Bilder sind zudem unterlegt mit Herzschlag-Tönen. Dies ist eine Bebilderung der Ängste des zutiefst verunsicherten Max, die überzeugen und die sogar einige Male unter die Haut gehen.

Nach der Pause überzieht der Regisseur das Konzept

Die ersten beiden Akte vergehen in diesem Stil, die Handlung erschließt sich für diejenigen, die den „Freischütz“ kennen, mühelos, für die anderen wird es schwierig, zumal der Regisseur auch auf eine Übertitelung verzichtet hat. Das Konzept des Regisseurs, sich auf die Darstellung der Ängste der handelnden Personen zu beschränken, geht auf – aber nur bis zum Beginn der Wolfsschlucht-Szene. Hier schlagen Stil und Atmosphäre um in eine Groteske, die bis ins Klamaukhafte überzeichnet ist. Steffen Kubach, laut Programmheft der reiche Bauer Kilian, trägt nun einen silbernen Glitzerfrack und erscheint als Conférencier alten Stils. „Willkommen in der Wolfsschlucht“ begrüßt er das Publikum, im Hintergrund erscheint blutrot das Wort „Angst“. Hier gießen nun Max und Caspar die Freikugeln, das Publikum darf ein wenig mitwirken und die Kugeln zählen, eher gute Stimmung im Saal als Grusel.

Nach der Pause aber überzieht Regisseur Biganzoli sein Konzept. Er verlässt die Ebene der persönlichen Ängste und bringt das auf die Bühne, was man in den USA „German Angst“ nennt. Das ist plakativ, um nicht zu sagen: platt bebildert. Im Zuschauerraum stehen Bilder von Papst Benedikt und Angela Merkel, von der Bühne grüßen Mesut Özil, das Grundgesetz und Mercedes. Sehr deutsch, politisch aufgepeppte romantische Oper auf Teufel komm raus. Eingespielt werden Interviews über Ängste, das Publikum darf sich an einem Einbürgerungs-Quiz beteiligen, vermummte Gestalten versperren die Ausgänge. Einer jungen Frau, die das Spektakel nicht mehr aushält, wird kurzerhand die Kehle durchgeschnitten. Ännchen entpuppt sich als männermordendes Luder, und aus dem Jägerchor wird unvermittelt eine Fastnachts-Truppe. Der Männerchor muss einen derartigen Remmidemmi veranstalten, dass er rhythmisch gewaltig ins Schlingern gerät. Am Ende spricht der Eremit aus luftiger Höhe seine salbungsvollen Worte – Ende. Was dieser zweite Teil mit dem „Freischütz“ zu tun hatte, erschloss sich nicht wirklich. Sollte es vielleicht auch überhaupt nicht, denn hier galt es dem Spektakel.

Großartige gesangliche Leistungen

Herausragend waren sie gesanglichen Leistungen des Abends. Tobias Hächler als Max bot eine stimmlich und darstellerisch exzellente Leistung, so stellt man sich einen jugendlichen Heldentenor vor. Maria Fernanda Castillo als Agathe betört mit schlankem, elegant geführten Sopran, Andrea Stadel ebenso als Ännchen. Taras Konoshchenko gibt den Caspar mit fundiertem Bass, Steffen Kubach ist ein im Wortsinne glänzender Conférencier. Der Chor (Einstudierung: Jan-Michael Krüger) agiert stimmlich und schauspielerisch immer auf der Höhe. Andreas Wolf dirigiert mit feinsten dynamischen Abstufungen, er begleitet die Sänger geschickt und hält die Lautstärke im Zaum.

Für alle Beteiligten gab es am Ende viel Applaus, nur für das Regie-Team nicht. Viele Buhs standen neben vereinzelten Bravos – so sah das Publikum eine Inszenierung mit guten Ansätzen und vielen Aussetzern.

Jürgen Feldhoff

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