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Kultur im Norden Erst ohne Träume ist man einsam
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17:01 10.10.2018
Schwere See im Kapitänshaushalt: Karin Vogt, Christa Walczyk und Anneli von Piotrowski (v. l.). Quelle: Robert Dylka
Lübeck

„Der Traum ein Leben“ heißt ein Theaterstück des Österreichers Franz Grillparzer, „Das Leben ein Traum“ ein Drama von Calderon de la Barca. Um Traum oder Wirklichkeit geht es auch in dem Stück des Dänen Carl Erik Martin Soya, das bei der Niederdeutschen Bühne zum Auftakt der Saison herauskam. Ein ungewöhnliches Stück für die Niederdeutschen, denn in der „melancholischen Komödie“ wird Nachdenklichkeit eingefordert. Zumindest in den ersten Akten. Später geht es deftiger zu.

Soya ging im 20. Jahrhundert gegen Doppelmoral im Bürgertum an, hielt seinen Zeitgenossen den Spiegel vor, riss ihnen die Maske vom Gesicht. In der Zeit der nationalsozialistischen Besetzung saß er dafür im Gefängnis. In seinem Stück „De selige Jensen“, vom Lübecker Gerd Meier ins Niederdeutsche übersetzt, wird eine Kapitänsfamilie aufs Korn genommen.

Kapitän Jensen ist schon zehn Jahre tot. Seine Witwe Emmy, inzwischen so um die 70, lebt quasi im Traum noch mit ihm unter einem Dach. Irgendwo muss sie die Idee aufgeschnappt haben, dass die Toten wählen können: gleich auf einen Astralplaneten umzusiedeln oder noch auf der Erde zu bleiben. Emmy hat sich in ihre Traumwelt eingesponnen. Was bleibt, wenn Träume platzen? Erst ohne Träume ist man einsam, stellt Emmy am Ende fest.

Karsten Bartels als Regisseur lässt das Stück „sinnig“ angehen. In der Pause vermisste mancher Premierenbesucher noch den sonst häufig anzutreffenden Spaß. Die derberen Pointen kommen im zweiten Teil. Da wurde häufig gelacht; auch wenn es vielleicht gar keinen Grund gab.

Die Aufführung ist zugleich das Jubiläumsstück für Karin Vogt. Seit 40 Jahren ist sie dabei. Sie nutzt auch dieses Stück mit sehr viel Text für eine stimmige Charakterisierung der Kapitänswitwe, pendelt in ihren Gefühlen zwischen Treue und Zweifeln, Traum und Wirklichkeit. Anneli von Piotrowski gibt ihre Schwester als Gegenstück. Sie kennt die bitteren Seiten des Lebens, ist nüchtern geworden. Hans-Hermann Müller bringt durch deutliches Auftrumpfen Leben in die von Moritz Schmidt und Eva Knüppel gebaute gute Stube.

Christa Walczyk als Haushälterin ist die ehrliche Seele, bei der es dunkle Punkte in der Vergangenheit gibt. Aber wer konnte dem seligen Jensen etwas abschlagen? Ein Liebespaar spielen Jenny Walczyk und Henrik von Piotrowski. Bei der jungen Frau ist es die große Liebe. Ob der junge Mann, der bald zur See fahren wird, es besser macht als der selige Jensen?

Am Schluss gratulierte Bühnenleiterin Brigitte Koscielski zum 40-jährigen Jubiläum. In einem kleinen Interview erzählte Karin Vogt von ihren schönsten Rollen. Zum Beispiel aus dem Jahr 1982, als die Tochter zur Welt gekommen war und das Fernsehen eine Inszenierung aufzeichnete. Zwischen den Drehs lief die junge Mutter in die Garderobe, um ihr Baby zu stillen.

Auch der Niederdeutsche Bühnenbund gratulierte; mit Urkunde und goldener Ehrennadel.

Weitere Aufführungen in den Kammerspielen: 16. Oktober (20 Uhr), 21. Oktober (15 Uhr), 26. Oktober (20 Uhr).

Konrad Dittrich

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