Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Prozessakte Auschwitz als Welterbe?

Prozessakte Auschwitz als Welterbe?

Wiesbaden/Frankfurt. Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte zählt schon seit Jahren zum „Gedächtnis der Welt“ der Weltkulturorganisation Unesco. Bald schon könnte auch die Verhandlungsakte des Frankfurter Auschwitz-Prozesses von 1963 bis 1965 zum Weltdokumentenerbe gehören.

Noch bis Freitag berät die Unesco-Kommission über die Nominierungen. „Es ist genau der richtige Zeitpunkt, jetzt dafür zu sorgen, dass diese Dokumente als Dokumente der Grausamkeit und einer Normalität an Grausamkeit, an Komplexität industrieller Mordstrategie wirklich erhalten bleiben, um zu beschreiben, was menschenmöglich ist und was in Menschen stecken kann“, betont Christoph Heubner, Vize-Exekutivpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees. Verglichen mit der Erklärung der Menschenrechte seien die Akten zu den Auschwitz-Prozessen „das andere Ende der Richter-Skala“.

Der Ort der Verbrechen, das ehemalige deutsche Vernichtungslager Auschwitz, ist schon seit 1979 Teil des Weltkulturerbes. „Im Auschwitz-Prozess hat zum ersten Mal ein Gericht festgestellt, wie der Massenmord in Auschwitz genau vonstatten gegangen ist“, sagt Sybille Steinbacher, Inhaberin der ersten Professur für Holocaust-Forschung an der Frankfurter Goethe-Universität. Für Steinbacher sind vor allem die 103 Tonbänder, auf denen unter anderem die Zeugenaussagen überlebender Auschwitz-Häftlinge zu hören sind, von enormer Bedeutung.

Der emotionalen Wirkung gerade der Tonbandmitschnitte könne man sich auch ein halbes Jahrhundert später nicht entziehen, sagt auch Johann Zilien, der als Archivar im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden die Prozessakten betreut. „Für viele dieser Opferzeugen war es eine Qual, vor Gericht aussagen zu müssen, diesen Tätern gegenüber zu sitzen.“ Manche Verteidiger hätten diese Zeugen regelrecht in die Mangel genommen, um ihre Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Zilien nennt den Prozess ein „Lehrstück in Sachen Aufarbeitung“, und Fritz Backhaus, der stellvertretende Direktor des Jüdischen Museums Frankfurt, ist überzeugt, dass kein anderes Ereignis in der Geschichte der Bundesrepublik so eine Bedeutung für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und mit dem Holocaust hatte wie der Frankfurter Auschwitz-Prozess.

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden